Mittwoch, Juli 06, 2011

Passenger Pigeon


Was ist was? Eine interessante Buchreihe, aus der ich vor vielen Jahren zahlreiche Exemplare verschlungen habe. Die meisten aus der Stadtbücherei, aber einige haben mir auch gehört, darunter eines über ausgestorbene Tiere. Und das gab es ein Kapitel über Wandertauben, aus dem mir immer ein kurzer Absatz in Erinnerung geblieben ist, der sich darum drehte, dass ein New Yorker Delikatessengeschäft täglich eine unfassbar große Menge an Wandertauben verkauft hat. Hier knüpfe ich an mit einem Bericht, der die New Yorker Stadtgeschichte nur streift, eigentlich mehr die Geschichte der nordamerikanischen Ostküste im allgemeinen betrifft, aber auch einiges über das Leben dort im 19. Jahrhundert erzählt und die Menschen, die dort lebten. Und ich denke, auch wenn New York nicht immer explizit genannt wird, so kann man es vermutlich zwischen den Zeilen häufiger finden als es zunächst scheint.


Dieser Text hier kommt dem aus dem alten Was ist was?-Buch ziemlich nahe:

"Bei der vielleicht häufigsten Vogelart der Welt, nämlich die der Amerikanischen Wandertauben, dauerte es knapp 100 Jahre, um auch das letzte Exemplar dieser Taubenart vom Himmel zu holen. Kopf und Rücken der Wandertaube waren blaugrau gefärbt, die Brust war rostfarben und der Bauch weiß; die Färbung des Weibchens war blasser. Die Wandertaube war in der östlichen Hälfte Nordamerikas, von Kanada bis zum Golf von Mexiko, heimisch und überwinterte in den südlichen Regionen ihres Verbreitungsgebiets . Ihr Brutgebiet lag im Norden der USA, von Nova Scotia bis nach Montana und Saskatchewan. Die meisten Rufe der Wandertaube waren raue, laute Variationen eines lauten „Keck", das je nach Art der Mitteilung wiederholt und verändert wurde; ein weiterer Laut klang wie ein weiches „Kuu". Noch um 1810 verdunkelten Riesenschwärme der Nordamerikanischen Wandertaube die Sonne und Vogelmist fiel wie Schnee vom Himmel: Mehr als zwei Milliarden (!) errechnete ein Vogelkundler pro Schwarm. Der amerikanische Ornithologe Wilson behauptete, einen Taubenschwarm gesehen zu haben, der vier Stunden über ihm hinweggeflogen war, eine Länge von 360 km hatte und nach seinen Berechnungen aus mehreren hundert Millionen Vögeln bestanden habe. Audubon, ein anderer berühmter Ornithologe, berichtete von einem Schwarm von über einer Milliarde Wandertauben. An einem Tag verschlang diese gefräßige Vogelarmee 617000 Kubikmeter verschiedenartigen Futters. ("Das ist mehr als die Tagesration der Soldaten aller kriegführenden Staaten gegen Ende des zweiten Weltkrieges!" schrieb der britische Naturforscher Frank Lane.) Zu ihrem Unglück war die Wandertaube ein schmackhaftes Tier: An einem einzigen Tag im Jahr 1855 verkaufte eine Delikatess-Großhandlung in New York 18000 Tauben! Um 1880 gab es in den USA 5000 hauptberufliche Wandertaubenjäger. In den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde dann auch noch damit begonnen, die Eisenbahn nach Westen zu bauen. Jetzt konnten die Vögel direkt zu den Märkten in den Städten transportiert werden. Auf dem gesamten Gebiet der USA und in Kanada wurden in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts Hunderte von Millionen Tauben erlegt. Im Jahr 1880 ließ sich der Rückgang der Bestände nicht mehr aufhalten. Die letzte wildlebende Taube wurde 1907 durch einen Schrotschuss getötet. Es wurden einige Versuche unternommen, die Wandertaube in Gefangenschaft zu züchten, doch hatte dies letztlich keinen Erfolg. Die allerletzte Wandertaube starb 1914 im Zoologischen Garten von Cincinnati."


Martha, die letzte Wandertaube, sieht man übrigens auf dem Foto, mit dem dieser Beitrag eingeleitet wurde. Ausführlicher ist der folgende Aufsatz, der einer alten Ausgabe von Brehms Tierleben aus dem Jahr 1882 entnommen wurde, also aus einer Zeit, in der sich die damaligen Menschen noch nicht darüber im Klaren waren, das dieses Tier, das in so unglaublichen Massen in der Natur auftrat, dass es den Himmel verdunkeln konnte, nur noch ungefähr 20 Jahre Zeit hatte, bis es in der freien Natur nahezu ausgerottet sein würde. Nicht wundern über die Rechtschreibung, 1882 war noch weit, aber so was von weit vor der Rechtschreibreform, die alles besser gemacht hat.
http://www.zeno.org/Naturwissenschaften/M/Brehm,+Alfred/Brehms+Thierleben/V%C3%B6gel/Dritte+Reihe%3A+Sperlingsv%C3%B6gel+(Passeres)/Siebente+Ordnung%3A+Girrv%C3%B6gel+(Gyratores)/Erste+Familie%3A+Tauben+(Columbidae)/4.+Sippe%3A+Wandertauben+(Ectopistes)/Wandertaube+(Ectopistes+migratorius)

Wandertaube (Ectopistes migratorius)


"Die hochberühmte Wandertaube (Ectopistes migratorius, Columba migratoria, americana und canadensis), Vertreter einer gleichnamigen Sippe (Ectopistes), ist kräftig gebaut, langhälsig und kleinköpfig, ihr Schnabel mittellang, ziemlich dünn, gerade, der Lauf kurz, aber kräftig, kürzer als die Mittelzehe ohne Nagel, der Flügel lang, zugespitzt, in ihm die zweite Schwinge die längste, der aus zwölf Federn bestehende Schwanz länger als die Flügel und, mit Ausnahme seiner beiden etwas verkürzten Mittelfedern, abgestuft. Die allgemeine Färbung ist schieferblau, die der Unterseite röthlichgrau; die Halsseiten sind purpurviolett, wie gewöhnlich schillernd, der Bauch und die Afterdecken weiß, die Schwingen schwärzlich, weiß gesäumt, die mittleren Steuerfedern schwarz, die seitlichen lichtgrau, an der Wurzel der Innenfahne mit einem braunrothen und einem schwarzen Fleck gezeichnet.
 



Das Auge ist glänzend roth, der Schnabel schwarz, der Fuß blutroth. Beim etwas kleineren Weibchen herrscht Aschgraubraun, auf dem Rücken und Bürzel Weißlichgrau vor; die mittleren Schwanzdeckfedern sind rothbraun. Die Länge beträgt beim Männchen zweiundvierzig, beim Weibchen neununddreißig, die Breite fünfundsechzig und sechzig, die Fittig- und Schwanzlänge je einundzwanzig Centimeter.



Von der Hudsonsbai an bis zum Golfe von Mejiko und von den Felsgebirgen an bis zur östlichen Küste findet sich die Wandertaube, welche sich auch einige Male nach England verflogen haben soll, in allen Staaten Nordamerikas, aber keineswegs überall in gleicher Menge. In den östlicheren Staaten scheint sie, wie Gerhardt sagt, in größeren Massen aufzutreten, »und daher schreiben sich auch die von den glaubwürdigsten Beobachtern ausgehenden Beschreibungen ihrer Sitten und Gewohnheiten, welche im Auge manches Europäers ins Reich der Fabel zu gehören scheinen, weil er vernehmen muß, daß in Nordamerika die Züge wilder Tauben die Sonne verfinstern, meilengroße Wälder durch ihren scharfen Koth verderben und starke Aeste unter ihrer Last niederbrechen, einer zahlreichen Menschenmenge nebst ihren Schweinen und einer Unzahl von Raubthieren wochenlang Nahrung bieten und in Wald und Feld wirklich furchtbaren Schaden thun können.« Alle Schilderungen des Auftretens dieser Taube aber sind wahr, erreichen nicht einmal die Wirklichkeit.


»Die Wandertaube, welche in Amerika Wildtaube genannt wird«, sagt Audubon, »bewegt sich mit außerordentlicher Schnelligkeit und treibt sich mittels rasch wiederholter Flügelschläge durch die Luft. Sie fliegt oft im Kreise umher, mit beiden im Winkel erhobenen Flügeln sich in der Schwebe erhaltend, bis sie sich niederläßt. Dann stößt sie die Spitzen der Vorderschwingen an einander und veranlaßt dadurch ein bis auf dreißig oder vierzig Meter vernehmbares Geräusch. Bevor sie sich setzt, bricht sie die Kraft des Fluges durch wiederholte Flügelschläge, um zum ruhigen Erfassen eines Zweiges oder zum Fußen auf dem Boden gelangen zu können.


Ich habe mit der Schilderung des Fluges begonnen; denn er ist es, welcher die Gewohnheiten dieser Thiere bestimmt. Ihre Wanderungen geschehen ausschließlich der Nahrung halber, nicht, um der Winterstrenge nördlicher Breiten zu entrinnen oder um einen passenden Platz zum Brüten zu suchen. Demgemäß nehmen sie nirgends festen Stand, sondern siedeln sich da an, wo sie Futter finden, verweilen unter Umständen jahrelang, wo man sie sonst nie bemerkte, verschwinden plötzlich und kehren erst nach Jahren wieder zurück. Ihre außerordentliche Flugkraft setzt sie in den Stand, erstaunliches zu leisten. Dies ist erprobt worden durch in Amerika wohlbekannte Thatsachen. Man tödtete in der Umgebung New Yorks Wandertauben, deren Kropf mit Reis gefüllt war, welchen sie doch nur in den Feldern Georgias und Carolinas verzehrt haben konnten. Da ihre Verdauung so rasch vor sich geht, daß das eingenommen Futter in zwölf Stunden völlig zersetzt ist, mußte man schließen, daß sie zwischen drei- und vierhundert (englische) Meilen binnen sechs Stunden oder die Meile in einer Minute zurückgelegt hatten. Hiernach könnten sie bei gleicher Geschwindigkeit in weniger als drei Tagen nach Europa gelangen. Diese Flugkraft wird unterstützt durch große Sinnesschärfe, welche sie befähigt, bei ihren raschen Flügen das Land unter sich abzusuchen und ihr Futter mit Leichtigkeit zu entdecken. Ich habe beobachtet, daß sie, über eine unfruchtbare Gegend ziehend, in hoher Luft dahinstrichen, während sie da, wo die Gegend waldig und nahrungversprechend war, sich oft herniedersenkten«.


»Auf meinem Wege nach Frankfort«, erzählt Wilson, »durchstrich ich die Wälder, über denen ich in den Morgenstunden viele Tauben nach Osten hatte fliegen sehen. Gegen ein Uhr mittags begannen sie zurückzukehren und zwar in solchen ungeheueren Scharen, daß ich mich nicht erinnern konnte, zuvor so viele auf einmal gesehen zu haben. Eine Lichtung in der Nähe der Bersoebucht gewährte mir freie Aus sicht, und hier setzte mich das, was ich sah, vollends in Erstaunen. Die Tauben flogen mit großer Stetigkeit und Schnelligkeit ungefähr in der Höhe eines Büchsenschusses über mir, mehrere Schichten dick und so eng neben einander, daß, wenn ein Flintenschuß sie hätte erreichen können, eine einzige Ladung mehrere von ihnen gefällt haben würde. Von der Rechten zur Linken, so weit das Auge reichte, erstreckte sich dieser unermeßliche Zug in die Breite und Länge, und überall schien er gleich gedrängt und gleich dicht zu sein. Neugierig, zu erfahren, wie lange das Schauspiel währen würde, zog ich meine Uhr, um die Zeit zu bestimmen, und setzte mich nieder, um die vorüberziehenden Taubenscharen zu beobachten. Es war ein Viertel nach ein Uhr, und ich saß von nun an mehr als eine Stunde, aber statt daß ich eine Verminderung des Zuges wahrnehmen konnte, schien er zu wachsen an Anzahl und zuzunehmen an Schnelligkeit, und ich mußte endlich, um Frankfort noch zu erreichen, meinen Weg fortsetzen. Gegen vier Uhr nachmittags kreuzte ich den Kentuckyfluß bei der Stadt Frankfort: der lebendige Strom über meinem Haupte schien aber noch immer ebenso zahlreich, noch ebenso breit zu sein als je zuvor. Lange nachher gewahrte ich die Tauben noch in großen Abtheilungen, welche sechs oder acht Minuten brauchten, ehe sie vorüber waren, und diesen folgten wiederum andere Scharen, in derselben Richtung nach Südosten fliegend, bis nach sechs Uhr des Abends. Die größte Breite des Zuges ließ auf eine entsprechende Breite ihres Brutplatzes schließen.«

»Im Herbste 1813«, berichtet Audubon, »als ich einige Meilen unter Hardensburgh am Ohio über die dürren Ebenen ging, bemerkte ich einen Zug Wandertauben, welcher von Nordost nach Südwest eilte. Da mir ihre Anzahl größer erschien, als ich sie jemals vorher gesehen hatte, kam mir die Lust an, die Züge, welche innerhalb einer Stunde im Bereiche meines Auges vorüberflogen, zu zählen. Ich stieg deshalb ab, setzte mich auf eine Erhöhung und machte mit meinem Bleistift für jeden vorübergehenden Zug einen Tupfen aufs Papier. In kurzer Zeit fand ich, daß das Unternehmen nicht auszuführen war: denn die Vögel erschienen in unzählbarer Menge. Ich erhob mich also, zählte die Tupfen und fand, daß ich in einundzwanzig Minuten deren einhundertdreiundsechzig gemacht hatte. Ich setzte meinen Weg fort; aber die Massen vermehrten sich immer stärker. Die Luft war buchstäblich mit Tauben erfüllt und die Nachmittagssonne durch sie verdunkelt wie bei einer Mondfinsternis. Der Unrath fiel in Massen wie Schneeflocken herab, und das Geräusch der Flügelschläge übte eine einschläfernde Wirkung auf meine Sinne. Während ich in Youngs Wirtschaft am Zusammenflusse des Saltriver mit dem Ohio auf mein Mittagessen wartete, sah ich noch unermeßliche Legionen vorüberziehen, in einer Breite, welche sich vom Ohio bis zu den in der Ferne sichtbaren Waldungen erstreckte. Nicht eine einzige dieser Tauben ließ sich nieder; aber in der ganzen Umgegend gab es auch keine Nuß oder Eichel. Demgemäß flogen sie so hoch, daß verschiedene Versuche, sie mit meiner vortrefflichen Büchse zu erreichen, vergeblich waren: die Schüsse störten sie nicht einmal. Unmöglich ist es, die Schönheit ihrer Luftschwenkungen zu beschreiben, wenn ein Falke versuchte, eine aus dem Haufen zu schlagen. Mit einemmale stürzten sie sich dann unter Donnergeräusch, in eine feste Masse zusammengepackt, wie ein lebendiger Strom hernieder, drängten dicht geschlossen in welligen und scharfwinkeligen Linien vorwärts, fielen bis zum Boden herab und strichen über demselben in unvergleichlicher Schnelle dahin, stiegen dann senkrecht empor, einer mächtigen Säule vergleichbar, und entwickelten sich, nachdem sie die Höhe wieder erreicht, zu einer Linie, gleich den Gewinden einer ungeheueren, riesigen Schlange. Vor Sonnenuntergang erreichte ich Louisville, welches von Hardensburgh fünfundfunfzig Meilen entfernt ist. Die Tauben zogen noch immer in unverringerter Anzahl dahin, und so ging es drei Tage ununterbrochen fort.


Es war höchst anziehend, zu sehen, daß ein Schwarm nach dem anderen genau dieselben Schwenkungen ausführte wie der vorhergehende. Wenn z.B. ein Raubvogel an einer gewissen Stelle unter einen solchen Zug gestoßen hatte, beschrieb der folgende an derselben Stelle die gleichen Winkelzüge, Krümmungen und Wellenlinien, welche der angegriffene Zug in seinem Bestreben, der gefürchteten Klaue des Räubers zu entrinnen, durchflogen hatte. Der Mensch, welcher derartige Schwenkungen zu beobachten wünscht, braucht nur, wenn er einen derartigen Auftritt gesehen, auf derselben Stelle zu verweilen, bis der nächste Zug ankommt.


Das ganze Volk war in Waffen. An den Ufern des Ohio wimmelten Männer und Knaben durch einander und schossen ohne Unterlaß unter die fremden Gäste, welche hier, als sie den Fluß kreuzen wollten, niedriger flogen. Massen von ihnen wurden vernichtet, eine Woche und länger genoß die Bevölkerung nichts als das Fleisch oder das Fett der Tauben, und es war von nichts als von Wildtauben die Rede. Die Luft war währenddem gesättigt von der Ausdünstung, welche dieser Art eigen ist.
Vielleicht ist es nicht unnütz, eine Schätzung aufzustellen von der Anzahl der Tauben, welche ein solcher Schwarm enthält, und von der Menge der Nahrung, welche er vertilgt. Nimmt man an, daß der Zug eine Meile breit ist – was durchaus nicht übertrieben genannt werden darf – und daß er bei der angegebenen Schnelligkeit ununterbrochen drei Stunden währt, so erhält man ein Parallelogramm von einhundertundachtzig englischen Geviertmeilen. Rechnet man nun nur zwei Tauben auf den Geviertmeter, so ergibt sich, daß der Zug aus einer Billion einhundertundfunfzehn Millionen einhundertsechsunddreißigtausend Stück Wandertauben besteht. Da nun jede Taube täglich ein halbes Pint an Nahrung bedarf, braucht der ganze Zug eine Menge von acht Millionen siebenhundertundzwölftausend Bushels täglich.« Wilson stellt eine ähnliche Rechnung auf und gelangt zu dem Ergebnisse, daß ein Schwarm über zwei Billionen Tauben enthält und täglich siebzehn Millionen vierhundertvierundzwanzigtausend Bushels Körnerfutter bedarf.

»Sobald die Tauben«, fährt Audubon fort, »Nahrung entdecken, beginnen sie zu kreisen, um das Land zu untersuchen. Während ihrer Schwenkungen gewährt die dichte Masse einen prachtvollen Anblick. Je nachdem sie ihre Richtung wechseln und die obere oder untere Seite dem Beobachter zukehren, erscheinen sie bald blau, bald purpurn. So ziehen sie niedrig über den Wäldern dahin, verschwinden zeitweilig im Laubwerke, erheben sich wieder und streichen in höheren Schichten fort. Endlich lassen sie sich nieder; aber im nächsten Augenblicke erheben sie sich, plötzlich erschreckt, unter donnerähnlichem Dröhnen und vergewissern sich fliegend über die vermeintliche Gefahr. Der Hunger bringt sie jedoch bald wieder auf den Boden herab. Sobald sie gefußt haben, sieht man sie emsig die welken Blätter durchstöbern, um nach der zum Boden gefallenen Eichelmast zu suchen. Unablässig erheben sich einzelne Züge, streichen über die Hauptmasse dahin und lassen sich wieder nieder; dies geschieht aber in so rascher Folge, daß der ganze Zug beständig zu fliegen scheint. Die Nahrungsmenge, welche vom Boden aufgesucht wird, ist erstaunlich groß; aber das Aufsuchen geschieht so vollkommen, daß eine Nachlese vergebliche Arbeit sein würde. Während sie fressen, sind sie zuweilen so gierig, daß sie beim Verschlucken einer Nuß oder Eichel keuchen, als ob sie ersticken müßten. Ungefähr um die Mitte des Tages, nachdem sie sich gesättigt haben, lassen sie sich auf den Bäumen nieder, um zu ruhen und zu verdauen. Auf den Zweigen laufen sie gemächlich hin und her, breiten ihren schönen Schwanz und bewegen den Hals vor- und rückwärts in sehr anmuthiger Weise. Wenn die Sonne niedersinkt, fliegen sie massenhaft den Schlafplätzen zu, welche gar nicht selten hunderte von Meilen von den Futterplätzen entfernt liegen.


Betrachten wir nun einen dieser Schlafplätze, meinetwegen den an dem Grünen Flusse in Kentucky, welchen ich wiederholt besucht habe. Er befand sich in einem hochbestandenen Walde, welcher nur wenig Unterwuchs hatte. Ich ritt vierzig Meilen in ihm dahin und fand, da ich ihn an verschiedenen Stellen kreuzte, daß er mehr als drei Meilen breit war. Als ich ihn das erste Mal besuchte, war er ungefähr vor vierzehn Tagen in Besitz genommen worden. Zwei Stunden vor Sonnenuntergang kam ich an. Wenige Tauben waren zu sehen; aber viele Leute mit Pferden und Wägen, Gewehren und Schießvorrath hatten sich rings an den Rändern aufgestellt. Zwei Landwirte hatten über dreihundert Schweine mehr als hundert Meilen weit hergetrieben, in der Absicht, sie mit Taubenfleisch zu mästen. Ueberall sah man Leute beschäftigt, Tauben einzusalzen, und allerorten lagen Haufen von erlegten Vögeln. Der herabgefallene Mist bedeckte den Boden mehrere Centimeter hoch, in der ganzen Ausdehnung des Schlafplatzes, so dicht wie Schnee. Viele Bäume, deren Stämme etwa sechzig Centimeter im Durchmesser hatten, waren niedrig über dem Boden abgebrochen, und die Aeste der größten und stärksten herabgestürzt, als ob ein Wirbelsturm [643] im Walde gewüthet hätte. Alle Anzeichen deuteten darauf hin, daß die Anzahl der Vögel, welche hier gehaust hatten, eine über alle Begriffe große sein mußte. Als der Zeitpunkt des Eintreffens der Tauben herannahte, bereiteten sich deren Feinde fast ängstlich auf ihren Empfang vor. Viele erschienen mit eisernen Töpfen, welche Schwefel enthielten, andere mit Kienfackeln, wieder andere mit Pfählen, die übrigen mit Gewehren. Die Sonne war unseren Blicken entschwunden, und noch nicht eine einzige Taube war erschienen; aber alles stand bereit, und aller Augen schauten auf zum klaren Himmel, welcher zwischen den hohen Bäumen hindurch schimmerte. Plötzlich vernahm man den allgemeinen Schrei: ›Sie kommen‹. Und sie kamen, obgleich noch entfernt, so doch mit einem Dröhnen, welches an einen durch das Takelwerk brausenden Schneesturm erinnerte. Als sie wirklich da waren, und der Zug über mir wegging, verspürte ich einen heftigen Luftzug.


Tausende von Tauben wurden rasch von den Pfahlmännern zu Boden geschlagen; aber ununterbrochen stürzten andere herbei. Jetzt wurden die Feuer entzündet, und ein großartiges, ebenso wundervolles wie entsetzliches Schauspiel bot sich den Blicken. Die Tauben, welche zu tausenden ankamen, ließen sich allerorten nieder, bis um die Aeste und Zweige der Bäume sich feste Massen gebildet hatten. Hier und da brachen die Aeste unter ihrer Last, stürzten krachend nieder und vernichteten hunderte der darunter sitzenden Vögel, ganze Klumpen von ihnen zu Boden reißend. Es war ein Auftritt der Verwirrung und des Aufruhrs. Ich fand es gänzlich unnütz, zu sprechen oder auch den mir zunächst Stehenden zuzuschreien. Bemerkte man doch selbst das Abbrennen der Gewehre meist nur an dem Blitze des Pulvers!

Niemand durfte wagen, sich auf den Schauplatz der Verheerung zu begeben. Die Schweine waren in einen Pferch gebracht worden; denn ihr Geschäft, die Todten und Verwundeten aufzulesen, sollte erst am nächsten Morgen beginnen. Schon war es Mitternacht, und noch fortwährend kamen die Tauben, noch immer zeigte sich keine Abnahme. Der Aufruhr währte die ganze Nacht hindurch fort. Ich war begierig zu erfahren, auf wie weit hin man den Lärm vernehmen könne, und sandte deshalb einen Mann ab, dies zu erforschen. Er kehrte mit der Nachricht zurück, daß er drei Meilen vom Orte noch alles deutlich gehört habe. Erst gegen Tagesanbruch legte sich das Geräusch einigermaßen. Lange bevor man einen Gegenstand unterscheiden konnte, begannen die Tauben bereits wegzuziehen und zwar in einer ganz anderen Richtung, als sie gekommen waren. Bei Sonnenaufgang waren alle verschwunden, welche noch fliegen konnten. Nun vernahm man das Heulen der Wölfe, der Füchse, der Luchse, des Kuguars, der Bären, Waschbären und Beutelthiere, welche unten umherschnüffelten, während Adler und eine Menge von Geiern sich einfanden, um mit jenen die Beute zu theilen. Jetzt begannen auch die Urheber der Niederlagen die todten, sterbenden und verstümmelten Tauben aufzulesen. Sie wurden auf Haufen geworfen, bis jeder so viele hatte, als er wünschte; dann ließ man die Schweine los, um den Rest zu vertilgen.«


Genau dieselbe Schlächterei findet auf den Brutplätzen der Wandertaube statt. »Das Brutgeschäft der Wildtaube«, erzählt Audubon ferner, »und die Plätze, welche zu diesem Zwecke gewählt werden, sind der Beachtung werth. Die Fortpflanzung hängt nicht gerade von der Jahreszeit ab; aber der gewählte Platz ist immer ein solcher, welcher leicht zu erlangende Nahrung im Ueberflusse enthält und in passender Nähe von Wasser liegt. Waldbäume von großer Höhe tragen die Nester. Zu dieser Zeit ruckst die Wandertaube sanft, aber doch stärker als unsere Haustaube, wie ›Kuh kuh kuh‹, während sie sonst nur die Silben ›Ki ki ki‹ auszustoßen pflegt. Der Tauber folgt mit stolzem Anstande, ausgebreitetem Schwanze und hängenden Flügeln, welche er unten zu schleifen pflegt, dem Weibchen, entweder auf dem Boden oder auf den Zweigen. Der Leib wird aufrecht gehalten, der Kropf vorgedrückt. Die Augen blitzen, er ruckst, hebt dann und wann seine Flügel, fliegt einige Meter weit vorwärts, kehrt zur Täubin zurück, schnäbelt sich liebkosend mit dieser und füttert sie aus seinem Kropfe. Nach solchem Vorspiele beginnen beide den Bau ihres Nestes. Dasselbe besteht aus wenigen dürren Zweigen, welche auf einer Astgabel durcheinander ge legt werden. Auf einem und demselben Baume sieht man oft funfzig bis hundert Nester beisammen; ich würde sagen, noch mehr, fürchtete ich nicht, daß man die wunderbare Geschichte dieser Taube für märchenhaft halten möchte. Die zwei Eier sind rundlich, etwa fünfunddreißig Millimeter lang, fünfundzwanzig Millimeter dick und reinweiß. Während das Weibchen brütet, ernährt es das Männchen, erweist ihm überhaupt wahrhaft rührende Zärtlichkeit und Zuneigung. Es verdient bemerkt zu werden, daß die Jungen regelmäßig ein Pärchen sind. Die Alten füttern ihre Sprossen, bis diese sich selbst ernähren können; dann verlassen sie die Eltern und bilden bis zu ihrer Reife gesonderte Schwärme. Nach sechs Monaten sind sie fortpflanzungsfähig. Sobald sie ausgekrochen sind, beginnt der Gewaltherrscher, Mensch genannt, die Bruten zu vernichten. Er zieht aus mit Aexten und anderen Waffen und haut Aeste und Bäume nieder, den Frieden der harmlosen Ansiedler zu stören. Beim Zusammenstürzen der gefällten Stämme und Aeste werden die Jungen aus den Nestern geschleudert und Massen von ihnen vertilgt.«


Wilson schildert den Brutplatz ausführlicher. »Wenn die brütenden Wandertauben einen Wald länger im Besitze gehabt haben, bietet er einen überraschenden Anblick dar. Der Boden ist mit Mist bedeckt, alles weiche Gras und Buschholz zerstört. Massen von Aesten liegen unten wirr durch einander, und die Bäume selbst sind in einer Strecke von mehr als tausend Acker so völlig kahl, als ob sie mit der Axt behandelt worden wären. Die Spuren einer solchen Verwüstung bleiben jahrelang sichtbar, und man stößt auf viele Stellen, wo in mehreren nachfolgenden Jahren keine Pflanze zum Vorscheine kommt. Die Indianer betrachten solchen Brutplatz als eine wichtige Quelle für ihren Wohlstand und Lebensunterhalt. Sobald die Jungen völlig ausgewachsen sind, erscheinen die Bewohner der umliegenden Gegenden mit Wägen, Betten und Kochgeräthschaften, viele vom größten Theile ihrer Familie begleitet, und bringen mehrere Tage auf dem Brutplatze zu. Augenzeugen erzählten mir, das Geräusch und Gekreisch in den Wäldern sei so arg gewesen, daß die Pferde scheu geworden wären und keiner dem anderen, ohne ihm ins Ohr zu schreien, sich verständlich hätte machen können. Der Boden war bedeckt mit zerbrochenen Aesten, herabgestürzten Eiern und Jungen, von denen Herden von Schweinen sich mästeten. Habichte, Falken und Adler kreisten scharenweise in hoher Luft und holten sich nach Belieben junge Tauben aus den Nestern; das Auge sah nichts als eine ununterbrochene, sich tummelnde, drängende, durch einander flatternde Taubenmasse; das Rauschen der Fittige glich dem Rollen des Donners. Dazwischen vernahm man das Prasseln der stürzenden Bäume; denn die Holzschläger beschäftigten sich jetzt, diejenigen umzuhauen, welche am dichtesten mit Nestern bedeckt waren.«

Man sollte glauben, daß die Tauben durch derartige Anstalten vertilgt werden müßten. »Ich habe mich aber«, bemerkt Audubon, »durch jahrelange Beobachtungen überzeugt, daß sie nichts anderes als die Rodung der Wälder zu vermindern vermag.« Im Jahre 1805 kamen in New York Schooner an, welche mit Wandertauben beladen waren. Das Stück wurde zu einem Cent verkauft. Ein Mann in Pennsylvanien fing, wie Audubon uns mittheilt, in seinem Schlaggarne an einem Tage fünfhundert Dutzend und zog zuweilen zwanzig Dutzenden von ihnen das Netz mit einem Male über den Kopf. Noch im Jahre 1830 gelangten sie so häufig auf den Markt zu New York, daß man sie überall massenweise sah.

In der Gefangenschaft hält die Wandertaube bei geeigneter Pflege jahrelang aus, pflanzt sich auch ohne Umstände fort. Gegenwärtig fehlt sie in keinem unserer Thiergärten."


Das eingefügte Bildmaterial habe ich über Google gefunden, Suchbegriff "Passenger Pigeon".

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