Sonntag, Juni 03, 2018

Early Sound Footage of New York City

vidcap by schaedel


Vor einigen Wochen habe ich hier schon mal einen alten Film aus dem Jahr 1929 eingebettet, der mit dem frühen Soundsystem Movietone in New York City aufgenommen worden war und die seltene Gelegenheit bot, sowohl historische bewegte Bilder als auch die zeitgleich aufgenommene historische Geräuschkulisse bewundern zu können. 

Wir erinnern uns: Seitdem ab Ende des 19. Jahrhunderts die ersten Filme von den Pionieren aufgenommen worden waren, versuchte man, auch den Ton mit einzufangen. Ein brauchbares Verfahren, das die Möglichkeit bot, Bild und Ton sowohl synchron aufzunehmen als auch abzuspielen, stand erst ab der zweiten Hälfte der 1920er zur Verfügung. "The Jazz Singer" von 1927 war der erste reguläre Kinofilm mit (zeitweiligem) Ton. 

1928 entstanden die nachfolgenden Film- und Tonaufnahmen in New York City, die zu den frühesten verfügbaren historischen Dokumenten dieser Art gehören. Natürlich muss man bei der Tonqualität gegenüber heutigen Hörgewohnheiten Abstriche machen, aber andererseits ist es doch erfreulich, dass aus jener Zeit überhaupt etwas erhalten und verfügbar ist. 

Folgende Alltagsszenen aus der Hudson-Metropole Ende der 1920er gibt es in dem knapp 15minütigen Kurzfilm zu sehen: 






Der nachfolgende Movietone-Film wurde am 07.12.1929 am Broadway in New York im Theaterbezirk von einem Fahrzeug aus aufgenommen:






Dazu als Gegenstück passend weitere Movietone-Aufnahmen vom Theaterbezirk, dieses Mal aber während der Abendstunden aufgezeichnet im Mai 1931 vor 87 Jahren:






Als nächstes sehen und hören wir den Kapitän einer New Yorker Fähre, die zwischen New Jersey und Manhattan über den Hudson River pendelte, kurz vor Ende seines fast 47 Jahre dauernden Arbeitsverhältnisses auf seiner letzten Fahrt:







Und zum Abschluss nochmal bewegte und hörbare Bilder aus den 1920ern, dieses Mal von Zugfahrten und -bewegungen im weiteren Umfeld von New York City, aufgenommen vor allem im nördlich gelegenen Tal entlang des Hudson Rivers.







Sonntag, Mai 27, 2018

The Unbuilt City



Ich habe zwar im Moment drei Beiträge im Entwurfstadium, aber keine Lust, an einem von ihnen weiterzuschreiben. Deshalb habe ich mal in einer alten Linksammlung geschaut, ob dort noch was interessantes abgelegt ist. Und ich würde sagen, ich bin fündig geworden. 

Wenn man über die Geschichte von New York schreibt, kann man verschiedene Ebenen ansteuern, zum Beispiel die Vergangenheit mit der Gegenwart oder der noch weiter zurückliegenden Vergangenheit vergleichen oder man kann versuchen, mehr über Gebäude zu erfahren, die zwar mal in New York gestanden haben, aber bereits wieder (lange) verschwunden sind. Und dann gibt es da noch eine Ebene, die wir bisher nur ganz gelegentlich besucht haben, die "wäre, dann hätte"-Ebene, Klugscheißer würden auch Konjunktiv Plusquamperfekt-Ebene sagen. So nach dem Motto "Wäre dieses Gebäude so gebaut worden, dann hätte New York so und so ausgesehen". 

Klar, an New York City wird seit dem 17. Jahrhundert gebaut, vieles aus den ersten Jahrhunderten ist schon lange verschwunden, Neues wurde an seiner Stelle gebaut, aber es gab (und gibt) verschiedene Pläne, die niemals oder nicht in der Form wie geplant realisiert wurden. 

Ein interessantes Beispiel dafür ist das World Trade Center, dass wir als Titelbild zu diesem Beitrag sehen. Zu Beginn der Planungen, die bis in das Jahr 1943 zurückreichen, ging man noch davon aus, dass der Welthandelskomplex an der Ostseite von Manhattan errichtet würde, rechts unten kann man einen Pfeiler der Brooklyn Bridge erkennen. Allerdings war an den Planungen auch wesentlich die Port Authority von New York beteiligt und in der spielen nicht nur die Stadt und der Staat New York eine Rolle, sondern auch der Staat New Jersey. Und der konnte sich letztendlich durchsetzen in seiner Meinung, dass das World Trade Center in Lower Manhattan nicht auf die Ost- sondern auf die Westseite und damit näher an New Jersey gehörte. 

In früheren Beiträgen haben wir uns schon mal angesehen, wie der Neubau der Metropolitan Opera mal 1926 von Joseph Urban geplant wurde....



... und wie man neben den Metropolitan Life Tower am Madison Square, der von 1909 bis 1913 das höchste Gebäude in New York und auf der Welt war, 1929 ein weiteres Gebäude errichten wollte, das typisch unbescheiden mal wieder das höchste Gebäude werden sollte, in der Realität aber nicht über die untersten Stockwerke hinauskam: 


Hier sehen wir nochmal die Metropolitan Opera in einem anderen Entwurf von 1929, der sie als Teil von Rockefellers "Civic Center" vorsieht. Und der so ebenfalls nicht realisiert wurde.


Sowohl das Rockefeller Center als auch der tatsächliche Neubau der Metropolitan Opera wurden anders realisiert als wie man es hier sieht. 

Im Jahr 1908 plante der spanische Architekt Antoni Gaudi ein Hotelgebäude, das im Süden von Manhattan errichtet werden und das höchste Gebäude in New York werden sollte. Das "Hotel Attraccion" oder "Hotel Attraction", das als Kundschaft diejenigen mit den größeren Geldbeuteln anpeilte, wurde aber niemals gebaut. Über die Gründe gibt es unterschiedliche Versionen, mal sind die kommunistischen Ideale des Architekten ausschlaggebend, mal der Umstand, dass er 1909 erkrankte und deshalb das Projekt nicht abschloss.




Nur in einer alternativen Realität von New York City, die für die Fernsehserie "Fringe" geschaffen wurde, sehen wir das von Gaudi entworfene Hotel in Südmanhattan zusammen mit dem World Trade Center stehen: 




Im Jahr 1920 hat man auch mal über ein neues Rathaus für New York City nachgedacht, allerdings konnte sich diese Hochhausidee nicht durchsetzen, wir wissen, dass als City Hall immer noch jenes Gebäude in Lower Manhattan dient, das bereits im frühen 19. Jahrhundert errichtet wurde.



Ich habe keinen genauen Schimmer, wo dieses Gebäude hätte stehen sollen. Bei den nachfolgenden Ideen für Neubauten für die Stadt New York kann man dank des alten New Yorker Rathauses und des Municipal Buildings ahnen, wo die hätten stehen sollen, realisiert wurden auch diese Bauten nicht.




1923 entstand der Entwurf für den "Broadway Temple", eine Mischung von Hochhaus und Methodistenkirche, der an der Ecke 173rd Street / Broadway im Viertel Washington Heights im Norden von Manhattan hätte errichtet werden sollen. Man beachte das 23 Meter hohe Kreuz auf der Spitze, das als Blickfang auch noch um die eigene Achse rotieren sollte. Hier war wie in anderen Fällen die Weltwirtschaftskrise Grund dafür, dass das Gebäude nicht realisiert wurde:



Ebenfalls ein Opfer der Weltwirtschaftskrise war der Larkin Tower, der im Westen der 42nd Street errichtet werden sollte, dort wo heute das McGraw Hill Building steht. Wäre der Larkin Tower wie 1925 mit 110 Stockwerken realisiert worden, wäre er sicherlich für geraume Zeit einer der Riesen in New York City gewesen.





Kommen wir nun zu einem ziemlich ausgefallenen Projekt. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich das früher schon mal präsentiert habe, als ich über die geplanten, aber nicht realisierten Hudson-River-Brücken geschrieben habe. Aber falls ja, ist es dennoch eine neue Erwähnung wert. Es handelt sich dabei um einen Flughafen, der an die Westseite von Manhattan angedockt werden sollte. Nördliches Ende des "Flughafengeländes" wäre im Südwesten des Central Parks gewesen, ungefähr dort, wo heute die Metropolitan Opera auf dem Gelände des Lincoln Centers zu finden ist. Das Flughafengebäude wäre so zugeschnitten gewesen, dass es sich an den schrägen Verlauf des Broadways in diesem Sektor angepasst hätte.  Laut Beschreibung hätte es sich das Flughafengelände  von der 71st Street über viele Straßenblöcke hinweg bis zur 24th Street erstreckt, also weit nach Chelsea hinein. Achja, Namensgeber für den Flughafenentwurf war der einflußreiche Immobilienhändler William Zeckendorf, dessen Vision in einer Ausgabe des LIFE Magazines im Jahr 1946 der Öffentlichkeit vorgestellt wurde: Zeckendorf West Side Airport.




Die Idee mit den Rollbahnen auf dem Dach des Flughafengebäudes und mit den integrierten und teilweise überdachten Hafenpieren finde ich schon recht interessant, aber wer hätte schon gerne am Ende der Rollbahn sein Haus haben wollen? Und der Flugverkehr hat sich nach den 1940ern so rasant weiter entwickelt, dass es unumgänglich war, zumindest den Internationalen Flughafen von New York weit an die Grenzen der Stadt auszulagern. Der Inlandsflughafen La Guardia dagegen liegt schon recht nahe dran, wenn auch an Queens und nicht an Manhattan.

Wäre dieser Komplex realisiert worden, dann hätte man wirklich einen Grund gehabt, BAUWERK zu sagen. Aber hallo!




Es waren übrigens nicht nur Amerikaner, die so schwindelige Ideen hatten, einen Flughafen mitten in die Stadt zu bauen. Auch die Briten spielten einst mit dem Gedanken eines Flughafens über der Themse und in der Nähe des Parlamentsgebäudes.



Links: 
http://www.boweryboyshistory.com/2011/05/why-not-lets-build-this-outlandish.html
http://longstreet.typepad.com/thesciencebookstore/2010/02/rootop-airport-east-river-nyc.html


Bleiben wir bei wichtigen Knotenpunkten für den Nah- und Fernverkehr. Das Grand Central Terminal hätte völlig anders aussehen können, wenn die Version realisiert worden wäre, die von dem berühmten Architektenbüro McKim, Mead and White vorgeschlagen wurde:



Offenbar hatte den Herren die zweite Version des Madison Square Gardens sehr gut gefallen, denn auch diesen Entwurf für den riesigen Bahnhof in New York schmückte als Blickfang eine Giralda, ergänzt um eine überdimensionale Bahnhofsuhr.



Das erste Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts war die große Zeit der Vergnügungsparks auf der Brooklyn vorgelagerten Insel Coney Island, im Zentrum des Trubels neben anderem vor allem der "Luna Park" und der "Dreamland Park". Und auch dort gab es unrealisierte Projekte. So wurde dort 1906 nichts weniger als das größte Stahlbauwerk der Welt geplant: der "Coney Island Globe Tower".




In der ungefähr 214 Meter hohen Stahlkugel sollten 11 Stockwerke Platz finden. Und auf diesen 11 Stockwerken war geplant, mehrere Restaurants, ein Vaudeville-Theater, eine Rollschuhbahn, Bowlingbahnen, einarmige Banditen, eine Rennbahn (? - Aerial Hippodrom), vier Zirkusmanegen, einen Ballsaal, eine Aussichtsplattform und eine Wetterstation unterzubringen.



Nachdem aber zwei Jahre lang fast nichts gebaut wurde, obwohl die Finanzierung bereits angelaufen war, stellte sich das Projekt schließlich als großer Betrug heraus.

Ich möchte auch noch diese Abbildung aus der New York Tribune vom 20.01.1907 präsentieren, die die Größenordnung verdeutlicht, in der der Coney Island Globe Tower, auch Friede Globe Tower genannt, spielen sollte.



Als Größenvergleich sind all jene Bauwerke herangezogen, die 1907 ebenfalls sehr groß waren: links der Rathausturm in Philadelphia, das seit 1901 höchste Bürogebäude auf der Welt, daneben das Flatiron Building (1902), ein markanter früher New Yorker Wolkenkratzer, rechts außen das Park Row Building (1899), einst höchstes Bürogebäude auf der Welt, abgelöst vom City Hall Tower in Philadelphia und dahinter das Washington Monument in der Hauptstadt. Näher an der Bildmitte zwei Gebäude, die sich 1907 im Bau bzw. in Planung befanden, rechts in der Mitte das Singer Building  (1908) und links in der Mitte (plus Kasten im Vordergrund) der Uhrenturm des Metropolitan Life Towers (1909). Im Bildhintergrund der alles überragende Coney Island Globe Tower und davor der Eiffelturm. Mir ist unklar, wie die Relationen hier zu interpretieren sind. Ist der Eiffelturm noch höher oder überragt der Coney Island Globe Tower den Eiffelturm dank des oberhalb der Aussichtsplattform angebrachten Gebäudespitze mit Fahnenmast?

Der Globe Tower hatte bereits eine Vorgeschichte bei den großen Ausstellungen in Chicago 1893 und in St. Louis 1904:
http://www.ephemerasociety.org/blog/?p=210


1929 wurden Pläne für die Neugestaltung des Battery Parks ganz im Süden von Manhattan entworfen, der danach so aussehen und als Blickfang mit einem riesigen Obelisken geschmückt werden sollte:



Wahnwitziger finde ich die Pläne zur Neugestaltung von Ellis Island aus dem Jahr 1959, nachdem die im Hafenbecken von New York befindliche Insel nicht mehr als Einwanderinsel benötigt wurde:




Kommen wir noch einmal auf das Thema Vergnügungsparks zurück. Wie oben erwähnt, war das frühe 20. Jahrhundert das goldene Zeitalter der Vergnügungsparks auf Coney Island. Nur eine gute Handvoll Meilen weiter östlich von Coney Island befand sich die Jamaica Bay hinter Rockaway Beach und vor den Ufermarschland des Stadtteils Queens.

In dieser Bucht befinden sich zahlreiche flache und bis heute nahezu unbewohnte und ungenutzte Inseln. Diese Inseln sind heute nach Long Island das erste Land, was man von New York sieht, wenn man sich im Landeanflug auf den John F. Kennedy-Airport befindet. Am 03.07.1910 veröffentlichte die New York Tribune eine Abbildung, die Pläne für einen Vergnügungspark auf den Inseln der Jamaica Bay illustrierte. Vorbild war in mehrerlei Hinsicht die Lagunenstadt Venedig in Norditalien. Realisiert wurde das New Yorker Venice  aber nicht.



Naja, ganz vergnügungsparkfrei war die Jamaica Bay aber nicht, bereits 1907 wurde "Golden City" in Betrieb genommen mit zahlreichen Attraktionen. Dieser Park war bis in die 1930er in Betrieb. Hier kann man mehr darüber erfahren:
http://lostamusementparks.napha.org/Articles/NewYork/GoldenCity-NY.html




Zum Schluss dieses Beitrags möchte ich die Fifth Avenue im Jahr 1930 ansteuern, wo das nachfolgende Hochhaus mit dem schönen Namen "Fashion Building" errichtet werden sollte.



Das wäre sicherlich interessant zu erfahren, ob dieses Gebäude bei Realisierung tatsächlich eine derart bunte und auffällige Fassadengestaltung erhalten hätte.



Main Sources:


https://untappedcities.com/2011/06/06/the-new-york-city-that-never-was-part-i-buildings/


The Alienist (1896)



Noch nicht hier im Blog erwähnt hatte ich bisher eine weitere TV-Serie, die in die Vergangenheit von New York City eingebettet ist: The Alienist - Die Einkreisung

Im ausgehenden 19. Jahrhundert wird die Suche nach einem Serienmörder geschildert, der in New York City sein Unwesen treibt. Zeitlich spielt sie mit 1896 ziemlich nahe an dem Zeitfenster, das wir in der Krankenhausserie "The Knick" (1900, 1901) besucht haben. 



Ich habe die Serie bisher noch nicht gesehen, deshalb kann ich auch nicht sagen, ob es dort historische Schauwerte zu sehen gibt, die das Herz der NYHG-Leser schneller klopfen lassen. Wenn, dann müssten die vermutlich wieder mit Computer-Technik hinzugefügt worden sein, denn die Serie selbst wurde in Budapest gedreht.

Nachtrag: Aus LeserInnenKreisen wurde mir zugetragen, dass die Serie durchaus sehens- und empfehlenswert sein soll. Also schaut mal rein, wenn Ihr die Gelegenheit und Interesse habt. 







Sonntag, Mai 13, 2018

Little Something Unexpected



Ok - für einen Minibeitrag reicht die Zeit noch. Rubrik Leserbriefe: Leser Thomas hat einen Kommentar hinterlassen, mit dem er auf das Photo oben aus dem Jahr 1932 aufmerksam machte, das das Haus Nr. 93 Court Street in Brooklyn zeigt, in der Nähe der Kreuzung Court Street / Livington Street. 




Dass die New Yorker nicht immer nett mit ihren historischen Gebäuden umspringen, haben wir hier im Blog ja schon öfter erlebt. Und so ist auch dieses nette Fachwerkhäuschen im Laufe der Zeit saniert worden und hat dabei leider viel von seinem ursprünglichen Charme eingebüßt. 

google street view

PS: thanks to Thomas for blog support


Comparing Old and New



Im Kampf gegen die seit Wochen andauernde Schreibblockade versuche ich, mit leichter Kost wieder den Weg in den Blog zu finden. Vielleicht klappts ja. 

Quelle für die Ausgangsfotos ist wie immer die Facebook-Gruppe "Dirty Old 1970s NYC":

Die bisherigen Folgen kannst Du hier im Rucksack nachschlagen: 

Ich mag die Aufnahme oben, denn sie zeigt mal wieder schön, dass Manhattan keinesfalls eine ebene Insel ist, sondern dass es dort mitunter ganz gut auf und ab gehen kann, wenn vielleicht auch nicht so offensichtlich wie beispielsweise in San Francisco.

Steven Zabel hat sie ca. 1976 aufgenommen und zwar an der Ecke Lexington Avenue und 102nd Street mit Blickrichtung nach Norden.

google maps

Wie man hier sieht, befindet sich der Standort im Norden von Manhattan, östlich von Central Park und wenige Blocks von seiner Nordostecke entfernt:



Ich habe den Google Street View-Mann ein kleines Stück südlich von der 102nd Street abgeworfen, hier kann man schön den Höhenunterschied zwischen diesem Teil der Lexington Avenue und dem nördlicher gelegenen Straßenabschnitt erkennen: 




Und ungefähr aus diesem Blickwinkel wurde 1976 die Aufnahme geschossen, ich vermute allerdings, dass der Photograph etwas weiter nördlich auf dem Bürgersteig stand, nur das kriege ich eins zu eines über den Street View nicht nachgeahmt. 



Trotzdem kommt das Ergebnis schon ziemlich nahe an das Originalbild ran:




Im Gegensatz zu anderen Vergleichen kann man hier mit 42 Jahren Abstand noch eine ganze Menge wiedererkennen. Der Marquee über der Tür im Vordergrund links ist verschwunden und genauso das Dach über dem Gotteshaus (?) in der Bildmitte, das Gebäude dahinter ist jetzt dunkelrot gestrichen und nicht mehr gelb, aber selbst die markanten Blickfänge im Bildhintergrund rechts kann man auch in der Gegenwart ausmachen. 



Der Blick reicht dabei bis mindestens zur 108th Street hinauf, wo an der Westseite der Kreuzung mit der Lexington Avenue ein markantes Hochhaus steht.

Der Blick die Lexington Avenue hinunter wurde schon 1931 einmal aufgenommen, wie man hier sieht, damals fuhren noch Straßenbahnen die Lexington hinauf und hinunter.



Die Anhöhe, die diesen Ort prägt, trägt übrigens den Namen "Duffy's Hill", benannt nach Michael Duffy, der Ende des 19. Jahrhunderts in diesem Viertel eine Reihe von Häusern errichten ließ. 1897 gab es am Übergang zum Hügel einige Unfälle mit den damals dort verkehrenden Cable Cars. 




An der Westseite der Lexington und oberhalb der 103rd Street steht auch heute noch das bereits oben erwähnte Gotteshaus, das auf dem Ausgangsfoto noch ein Spitzdach auf dem an der Gebäudeecke befindlichen Turm trug. 



Heute trägt diese Kirche den Namen "Hellenic Orthodox Church of Sts. George and Dimitrios", 1891 wurde sie als "Blinn Memorial Methodist Episcopal Church" errichtet. Hier die Kirche mit Turmhelm auf einer Aufnahme von 1930: 



1913 entstand die folgende Aufnahme, die die Lexington gen Norden hinaufblickt. Zu diesem Zeitpunkt arbeitete man an einer Verbesserung des öffentlichen Personennahverkehrs, der über die Lexington nord- und südwärts geführt wurde. 

Lexington Avenue and 1203rd Street, 1913, from the collection of the museum of the city of New York


An sich sieht diese Umgebung ja recht ziemlich friedlich und unauffällig aus. 



Tatsächlich war der Ort in der Bildmitte in der Vergangenheit aber mal Schauplatz einer Bombenexplosion.



Am 04. Juli 1914 wurde durch die Wirkung von Sprengstoff das Mietshaus direkt neben der Kirche schwer beschädigt. 



Terroristische Anschläge gab es auch schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts, wir haben ja in der Schule einst gelernt, dass ein ganz bestimmter, der sich ebenfalls 1914 in Sarajewo ereignete, wenig später den Ersten Weltkrieg auslöste. 

In New York knallte es zu jener Zeit auch gelegentlich, bekannt sind zum Beispiel die Black Tom Explosion in New Jersey 1916 oder das Wall Street Bombing 1920. Im vorliegenden Fall hatten Anhänger der radikalen "Industrial Workers of the World" eine Bombenwerkstatt im obersten Stock des Mietshauses 1622 Lexington Avenue eingerichtet. Ziel des geplanten Bombenanschlags sollte der New Yorker Wohnsitz von Herrn John D. Rockefeller sein. Aber wie die Fotos belegen, ging die Bombe früher als geplant los, mit Getöse schrecklich groß. Der Bombenbauer kam wohl verletzt, aber mit dem Leben davon, fand sich aber durch die Wucht der Explosion zwei Stockwerke tiefer wieder. Andere hatten nicht soviel Glück, vier Personen kamen ums Leben und weitere sechs wurden verletzt. Von einem der Agitatoren der Gruppierung fand man Teile des Körpers auf dem Kirchendach nebenan wieder. 



Wie man hier sieht, wurde das beschädigte Haus nicht abgerissen, sondern wird bis heute als Wohnhaus genutzt. An den großen Knall, der sich am 4. Juli 1914 hier ereignete, erinnert heute nichts mehr. 

Links: 


Zeit für das nächste Photo. Knapp an den 1970ern vorbei, aber aufgrund des nyc-typischen Schauplatzes und der Farben einfach unwiderstehlich. Oder etwa nicht? 



Robert Hermann hat dieses Photo 1981 aufgenommen an der Kreuzung Prince Street und Broadway mit Blickrichtung nach Westen. Wie man sieht, befindet sich der Aufnahmeort ziemlich im Süden von Manhattan, in jenem Viertel, das den Namen SoHo trägt, weil es südlich der Houston Street liegt.





Dank des nicht zu übersehenden Zugangs zur U-Bahnstation ist es nicht schwer, den Standort zu rekonstruieren, den der Photograph seinerzeit bei der Aufnahme des Ausgangsbildes eingenommen hat. 



Hier stehen wir auf der Prince Street, unweit östlich der Kreuzung mit dem Broadway und blicken nach Westen. Der U-Bahn-Zugang auf der rechten Seite ist derjenige, der auch auf dem Ausgangsfoto erscheint. 

Die genaue Perspektive lässt sich mit dem Street View leider nicht simulieren, da in dieser Konstellation Photograph - U-Bahn-Zugang keine Momentaufnahme festgehalten wurde. Die wesentlichen Elemente des Ausgangsfotos (mit Ausnahme der beiden Damen im Vordergrund) kann man aber auch in der Gegenwart wiederfinden:




Auch hier ist in den Jahren zwischen Photo und Gegenwart soviel erhalten geblieben, dass man den Aufnahmeort problemlos wieder erkennen kann und doch hat sich auch einiges verändert. 

Die öffentlichen Fernsprecher an der Rückseite des U-Bahn-Eingangs sind verschwunden, dort befindet sich jetzt eine Reklametafel. Der Hinweis auf die U-Bahnstrecken wurde auch deutlich entrümpelt und vereinfacht. Die Fassade an dem Gebäude hinter dem U-Bahn-Zugang ist wieder graffitifrei und auch sonst ist das Erscheinungsbild des Ortes sanierter und weniger dirty als anno 1981. Die Geschäftslokale auf der gegenüberliegenden Seite des Broadways im Bildhintergrund sehen auch aufgeräumter, irgendwie aber auch langweiliger aus als vor 37 Jahren.

Die Songlines verraten uns, dass die Gebäude auf dem Photo schon ein paar Jahre mehr auf dem Buckel haben: 



Das Gebäude mit dem Graffiti hinter dem U-Bahn-Zugang stammt aus den 1890ern und wurde von George B. Post entworfen, der hinter zahlreichen Hochhausklassikern aus jener Epoche steckt. Das rote Ziegelhaus im Hintergrund wurde schon 1882 gebaut und beherbergte nach 1981 unter anderem das Guggenheim Museum Soho und gegenwärtig ein Prada Outlet. 

Dementsprechend kann man das Ziegelhaus mit der Prada-Herberge auch bereits auf dem nachfolgenden Photo vom August 1885 wiedererkennen, das während der Parade anlässlich der Beisetzung von Ulysses S. Grant, dem ehemaligen Bürgerkriegsgeneral und späteren US-Präsidenten, aufgenommen wurde. Wir blicken von einer südlich gelegenen Position den Broadway hinauf mit der Kreuzung Broadway / Prince Street ziemlich weit im Vordergrund. 



1934 entstand die folgende Aufnahme, die den Schauplatz auch vom Osten aus die Prince Street hinunter zeigt. Leider ist die Auflösung des Photos ziemlich gering, aber man kann die Rückseite des U-Bahn-Eingangs rechts neben dem Automobil durchaus erkennen.



An der Nordostecke der Kreuzung, also da, wo sich besagter U-Bahn-Zugang befindet, stand von 1852 bis zur Errichtung des heutigen Gebäudes nach 1895 das Metropolitan Hotel. Hier der Blick vom Süden her den Broadway hinauf mit dem Metropolitan Hotel ab der Bildmitte:

Metropolitan Hotel, from the collection of the museum of the city of New York


Und in dieses Gebäude eingebettet war ein legendäres New Yorker Theater, das schon Jahre zuvor an dieser Straßenecke seine Pforten geöffnet hatte und wiederholt einer Feuersbrunst zum Opfer fiel: Niblo's Garden. Etwa 1887 entstand die folgende Aufnahme, die den Eingang zu Niblo's Garden und links daneben den Eingang zum Metropolitan Hotel abbildet. 



In den 1820ern, also zu jener Zeit, als Niblo's Garden seinen Betrieb aufnahm, hatte das Theater noch so ausgesehen wie auf dieser Zeichnung:



Links: 


Photo Nummer 3 führt uns in das Jahr 1977, es wurde von Helen Levitt an der Kreuzung Rivington Street / Orchard Street aufgenommen mit Blickrichtung nach Osten:



Wie man sieht, bleiben wir im Süden Manhattans unterhalb der Houston Street, verlagern unseren Standort nur ein Stück in östliche Richtung: 





Hier habe ich das Bild um 90 Grad gedreht, nach oben hin ist jetzt Osten und wir sehen in etwa die Blickrichtung, die auch das Ausgangsfoto hat. 



Wenn wir mit der Kamera mal wieder hinunter auf Straßenniveau gehen, bietet sich das folgende Bild auf der Rivington Street mit der Kreuzung Orchard Street in greifbarer Nähe, Blickrichtung Osten: 



Die Kulisse für das Ausgangsfoto dürfte somit im Hintergrund rechts liegen:




Der Lebensmittelladen Corner Grocers im Vordergrund in der Gegenwart könnte den Geschäften mit den Gittern vor den Scheiben in der Vergangenheit entsprechen. 

Schwierig ist die Zuordnung, weil zwischen 1977 und heute eine ganze Reihe von Gebäuden auf diesem Block plattgemacht wurden und deshalb keine Orientierungspunkte mehr bieten: 



Jener bogenartige Eingang unter dem Bar / Restaurant-Schild dürfte auch in dieser verschwundenen Zone gelegen haben. 



Vielleicht bieten aber die links von diesem Eingang fotografierten Gebäude einen Anhalt. Wir sehen da zum einen ein Gebäude mit einer roten Ziegel (?)-Wand und dann ein Eckgebäude mit auffälligen Streifenornamenten: 



Das könnten diese zwei Gebäude sein, die vor bzw.  hinter der nächsten Kreuzung (Rivington Street / Ludlow Street) in östliche Richtung stehen: 



Der Eingang in das Ziegelhaus trägt Ornamente und hebräische Schrift, die auf jüdische Bewohner oder Mieter hinweisen, auf der Lower Eastside von Manhattan nicht ganz ungewöhnlich. 




Das Fassadenmuster des Eckgebäudes jenseits der Ludlow Street passt meiner Meinung nach zu der entsprechenden Fassade auf dem Ausgangsfoto:




Dank dieses Gebäudes und dem vorausgegangenen roten Ziegelgebäude lässt sich einigermaßen verifizieren, dass wir hier tatsächlich an jenem Ort sind, der 1977 auf dem Ausgangsfoto festgehalten wurde. Noch einmal das Original und die Kulisse heute:




Auf dieser historischen Aufnahme unbekannten Datums wurde die Mündung der Rivington Street in die Allen Street fotografiert:



Links oben sieht man das Gebäude, in dessen Erdgeschoss heute Corner Grocery zu finden ist:





In der Sammlung des Museums der Stadt New York habe ich den Lückenbüßer mit dem bogenartigen Eingang gefunden, der von Edmund V. Gillon etwa ein Jahr nach dem Ausgangsfoto aufgenommen wurde: 

Edmund Vincent Gillon, First Roumanian-American Congregation, 89-93 Rivington Street, ca 1978, 
from the collection of the museum of the city of New York


Die Songlines wissen noch einiges mehr über dieses Kirchengebäude zu berichten, das ursprünglich mal als "German Evangelical Church" im Jahr 1857 errichtet wurde. 



Hier haben wir eine Aufnahme in Farbe vom Gebäude und vom Eingang:




Im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts steuerte das jüdisch-orthodoxe Gotteshaus langsam auf sein Ende zu:





Der Abriss fand dann im Jahr 2006 statt: 

By Tom Fletcher (http://www.nyc-architecture.com) - http://www.nyc-architecture.com/LES/LES036.htm, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5185859





Links: 


Auch über das Haus mit den hebräischen Schriftzeichen über der Tür findet man einen kleinen Beitrag in den Songlines, dort erfährt man, dass jenes Haus bereits auf eine fast 180jährige Geschichte zurückblickt: 



Das Eckgebäude mit dem markanten Fassadenmuster beherbergte einst 50 Jahre lang "Spitzer's Dress Store", ein Name, der in die jüdisch geprägte Umgebung passt. 












Und mit diesen Bilddokumenten eines in der Zwischenzeit nicht mehr vorhandenen New Yorker Bekleidungsgeschäft lasse ich den Beitrag dann auch mal ausklingen. 


Mehr Folgen von Comparing Old and New findest Du hier:
http://nygeschichterucksack.blogspot.de/2018/02/comparing-old-and-new.html