Sonntag, September 01, 2019

Comparing Old and New



Sonntag Morgen, zwischen sechs und sieben am Morgen, die Sonne geht gerade erst auf, gute Musik im Kopfhörer und ein guter Moment, um sich mal wieder in das New York City der 1970er aufzumachen, um Altes mit Neuem zu vergleichen. 


Ältere Folgen von COaN findest Du hier: 


Das Foto oben mit der kiebigen jungen Dame, die die Farben unseres geliebten Nachbarlandes trägt und auch freundlich die Zunge lüftet, ist laut Bildbeschreibung Ende der 1970er auf der 116th Street nahe der Manhattan Avenue entstanden mit Blickrichtung nach Westen. Es stammt aus dem Archiv von Donovan O'Brien.

google maps


Um den Entstehungsort zu finden, müssen wir uns also in den Norden von Manhattan begeben, ein kleines Stück nordwestlich vom Central Park. 



In mittelbarer Steinwurfnähe sieht man die Columbia Universität und die Kathedrale St. John the Divine. Um dort hin zu gelangen, muss man vom Aufnahmeort noch durch die Grüne Lunge des Morningside Park schreiten. 

Zum Glück sind die Gebäude an der Kreuzung Manhattan Avenue / 116th Street noch vorhanden, so dass man den Aufnahmeort ganz gut nachvollziehen kann. Der Fotograf stand zusammen mit dem orangenen Mädchen noch ein Stück östlich von der Kreuzung entfernt, so dass die Gebäude an der Nordwestecke und Südwestecke als Orientierungspunkte mit auf der Aufnahme gelandet sind. 




Wie so oft sind auch hier die Bäume im Laufe der letzten 40 Jahre größer und höher geworden....

google street view


... aber irgendwo hier rechts dürften Fotograf (F) und Girl (G) auf dem Bürgersteig der 116th Street gestanden haben, als das Foto aufgenommen wurde. 



Ich habe mich jetzt mal etwas weiter nach Westen zur Kreuzung begeben, um dort die Orientierungspunkte genauer ins Auge fassen zu können: 





Da haben wir zum einen rechts im Hintergrund vom Orange Girl ein Haus mit roter Ziegelmauer und einer helleren rechteckigen Ornamentierung auf Höhe des ersten Stockwerks. Im Erdgeschoss scheint sich ein Ladenlokal zu befinden. 



Dieses Gebäude steht immer noch an der Nordwestecke der Kreuzung Manhattan Ave / 116th Street: 



Gegenüber auf der Südwestecke findet man links vom Orange Girl ein Haus mit heller Fassade und einer markanten Fassadengestaltung: 




Auch dieses Gebäude ist bis in die Gegenwart erhalten geblieben, nur das Geschäft im Erdgeschoss hat zwischenzeitlich bunte Markisen erhalten: 




Die beiden Eckhäuser sind lt. NYCityMaps Anfang der 1920er errichtet worden: 



Wer sich hinter dem Orange Girl verbirgt, konnte ich leider trotz intensivem Kommentarstudium nicht herausfinden. 


Falls Madame noch lebt, dürfte sie mittlerweile so um die 60 Jahre alt sein. 

In den üblichen Bildersammlungen ist leider so gut wie kein Material von der Kreuzung 116th Street / Manhattan Avenue gespeichert worden. 

Die folgende Aufnahme von 1937 wurde wohl von der Kreuzung aus aufgenommen, zeigt sie selber aber nicht, sondern stattdessen den Blick die 116th Avenue hinunter in östliche Richtung: 



Dort sieht man einen Block entfernt eine Hochbahntrasse und hier kann man ohne Zweifel wirklich von HOCH-Bahn sprechen, denn die Trasse ist ganz schön hoch!

Bei der Hochbahntrasse handelt es sich um jene, die entlang der 8th Avenue aufgestellt wurde und die hier auf Höhe der 116th Street fotografiert wurde:

8th Avenue 116th Street North NYC, ca. 1905, from the collection of the museum of the city of New York

Das hat bei mir ein kurzes Kopfkratzen erzeugt, denn bei den alten Hochbahnen von Manhattan werde ich ja immer etwas aufmerksamer. Die vier Linien führten an der 2nd Avenue, an der 3rd Avenue, an der 6th Avenue und der 9th Avenue entlang, aber nicht an der 8th Avenue. Aber wie immer gibt es auch hierfür eine Erklärung und die sieht so aus: 



Auf der Luftaufnahme von 1924, als die Hochbahntrasse noch existierte, sieht man, dass es sich um die 9th Avenue Elevated Railway handelt, die auf Höhe der 110th Street in eine S-Kurve einschwenkt und über zwei 90-Grad-Kurven hinüber auf die 8th Avenue wechselt und dieser dann weiter nach Norden folgt. Die Kreuzung 116th Street / Manhattan Avenue habe ich auch nochmal mit eingezeichnet. 

Über diesen Schwung habe ich vor eineinhalb Jahren mal geschrieben, hatte das aber schon wieder irgendwie verdrängt: 

Okay, ich denke, das reicht für diesen Schauplatz, wir wechseln hinüber zum nächsten Foto:




Camilo Jose Vergara hat das Foto 1977 aufgenommen und zwar vor dem Haus mit der Nummer 2023 Lexington Avenue

Wir bleiben also im Norden von Manhattan, nördlich von Central Park, noch etwas weiter nördlich als bei der letzten Station und ein ganzes Stück weiter östlich. 



Dort oben in Harlem auf der Ostseite der Lexington Avenue auf dem Block zwischen 123rd Street und 124th Street befindet sich das diesmalige Zielobjekt. 




Düwel Satan! Da habe ich mir aber eine ganz schön harte Nuss herausgesucht. Der war nicht ganz einfach aufzulösen. Das hat mich wohl ein gute Stunde gekostet. Aber jetzt habe ich es! Ich zeige Euch aber auch mal die Verwirrungen: 

Hier nochmal das Ausgangsfoto: 



Und das sieht man, wenn man mit dem Google Street View auf 2023 Lexington Avenue geht: 



Da reicht nur eine kurze oberflächliche Inaugenscheinnahme, dass hier irgendetwas nicht stimmt. Denn das alte Bild und das neue sind beim besten Willen nicht in Einklang zu bringen.

Dass wir aber richtig sind bei Hausnummer 2023 Lexington Avenue, sieht man, wenn man sich der Haustür annähert.



Na gut, man könnte meinen, dass es sich vielleicht um eine Spiegelung von der gegenüberliegenden Seite handelt, aber die Hausnummer 2023 ist schon in dieser Tür verewigt und nicht auf der anderen Seite:



Zur Erinnerung, Hausnummer 2023 war auch auf dem Ausgangsfoto zu sehen:




Und dann gibt es noch eine Übereinstimmung zwischen alt und neu, die einerseits zwar vorhanden ist, andererseits aber auch wiederum nicht kompatibel erscheint. Und zwar dieses geriffelte Fassadenelement, das man auf dem Ausgangsfoto oben zweimal im Mauerwerk erkennt:



Das gibt es auch auf der aktuellen Ansicht...




... allerdings ist das auf der aktuellen Ansicht im zweiten Stockwerk angebracht...



... und nicht im ersten Stock wie bei dem Ausgangsfoto:



Dann habe ich mir aufgrund der relativ neu aussehenden Fassade gedacht, dass das vielleicht nicht mehr das gleiche Gebäude ist, aber laut NYCityMap - die auch nicht immer zuverlässig ist mit den Jahresangaben - wurde das Haus schon um das Jahr 1900 errichtet. Also vermutlich auch nicht die richtige Idee.



Dann habe ich mir - trotz eindeutiger Hausnummer - gedacht, dass ich vielleicht vor dem falschen Gebäude stehe und das richtige vielleicht ein ähnlich gestaltetes Gebäude in der Nähe ist, zum Beispiel das nächste auf dem Block in nördliche Richtung. Das hat nämlich auch eine Feuertreppe an der Fassade wie auf dem Ausgangsfoto, ein wichtiges Merkmal, das ich bei dem heutigen 2023 Lexington Avenue vermisse.




Aber wenn man das wiederum gegenüberstellt...




... dann kann man sich zwar auf den Kopf stellen oder wild herumfuchteln, aber das nützt alles nichts, die beiden Fassaden passen trotz einzelner gemeinsamer Merkmale nicht wirklich übereinander.

Dann war da noch die Idee, dass ich mich vielleicht auf die falsche Straßenseite verirrt habe und die Lösung auf der gegenüberliegenden Seite der Lexington Avenue zu finden ist....



... aber wie man sieht auch Fehlanzeige.


Ich hatte eigentlich schon die Flinte ins Korn geworfen und war davon ausgegangen, dass sich der Bildbeschreiber des Ausgangsfotos vertan hat und wir auf der falschen Avenue unterwegs sind, zumal ich auch im Kommentarfeld zum Bild einige Verwirrung wahrnehmen konnte. Dabei hatte dort bereits einer die Lösung eingetragen, die mich aber wegen ihrer Einfachheit nicht angesprungen hat, sondern die habe ich glatt mehrfach übersehen.

Ich habe auch noch die wenigen historischen Fotos von dieser Kreuzung gecheckt und einige Immobilienseiten, die 2023 Lexington Avenue erwähnt haben, aber die hatten keine Fotos, sondern nur Text und die historischen Fotos haben mich auch nicht weiter gebracht. Also viel Hin und Her und Vor und Zurück.

Und dann bin ich schließlich auch noch selbst auf die Lösung gekommen.


2023 hat nämlich nicht nur eine, sondern zwei Fassaden an den Straßenfronten. Und siehe da, auf der Seite, die an der 123rd Street liegt, findet man eine Feuertreppe.

Und man glaubt es kaum, aber im ersten Stock befinden sich dort auch die beiden geriffelten Fassadenelemente:




Erschwerend für die Identifizierung kam hinzu, dass sich zwei elementare Orientierungspunkte gegenüber 1977 verändert haben:



Erstens: das Ladenlokal links im Erdgeschoss an der Straßenecke, in dem sich damals ein Süßigkeitenladen befand und dessen Eingang in die Gebäudeecke eingearbeitet war, ist nicht mehr vorhanden, die Fassade wurde an den Grundriss des Gebäudes angepasst und zwei Fenster eingefügt, die vorher nicht da waren. Es sieht aber so aus, als ob die Räumlichkeiten hinter den Fenstern noch als Büroräume oder ähnliches genutzt werden.

Zweitens: das Gebäude rechts bzw. östlich von 2023 Lexington Avenue bzw. 149 E 123rd Street, also jenes mit der etwas graueren Fassade rechts im Bild, mit den etwas tiefer gelegten Fenstern und mit der Hausnummer 151 an der Markise über dem Ladenlokal, dieses Haus wurde abgerissen und auf dem Grundstück findet man jetzt einen Garten oder Park:




Und so haben wir nach reichlich Klimmzügen schließlich doch noch eine Übereinstimmung zwischen früher und heute - UFF:





Und damit geht es weiter zum nächsten Foto:



Diese Aufnahme, die 1973 von Manny Gerard an der Hausnummer 1428 Fulton Street aufgenommen wurde, wirkt mit ihren teils unscharfen und teils ausgeprägt scharfen Schriftzügen fast wie ein Collage und nicht wie ein Photo. Möglicherweise ist die besondere Wirkung des Fotos auch darauf zurückzuführen, dass es sich um eine Polaroid-Aufnahme handelt, also um ein Foto, das mit einer Sofortbildkamera aufgenommen wurde. In Zeiten der Digitalphotographie sind Sofortbilder zwar nichts ungewöhnliches mehr, zu Zeiten der Nassphotographie waren sie zumindest nicht ganz gewöhnlich. Manny Gerard hat die Aufnahme wohl seinerzeit als Location-Scout gefertigt, als er in Manhattan unterwegs war, um geeignete Schauplätze für den Film "The Education of Sonny Carson" (1974) zu finden.

google maps


Dieses Foto führt uns aus Manhattan hinaus und - wie man sieht - zur Abwechslung mal nach Brooklyn hinein, denn auch dort gibt es eine Fulton Street und nur die hat so hohe vierstellige Hausnummern, da kann die Fulton Street im Süden von Manhattan nicht mithalten.



Ich habe mich mal kurz am Boden umgeschaut und will es gleich vorwegnehmen. In diesem Fall sind wir noch gerade rechtzeitig vorbeigekommen zu einem Zeitpunkt, in dem das Gebäude noch in der 3-D-Ansicht vertreten ist, weil das nicht mehr allzu lange der Fall sein wird. Denn das Gebäude 1428 Fulton Street in der Form, in der wir es auf dem 1973er-Foto zu sehen ist, existiert heute nicht mehr.

Hier habe ich die 3-D-Ansicht um 180 Grad gedreht und bin näher an das Gebäude herangerückt. Dort kann man es noch in der alten Form sehen, es scheint aber, als ob zum Zeitpunkt der Erfassung der Abriss schon im Gange war oder zumindest vorbereitet wurde:



Hier sehen wir einen Google Street View vom Oktober 2013, aufgenommen von der rechts gelegenen Brooklyn Avenue in die Fulton Street aus:



Ok - ein bisschen bunter ist die Fassade in den 40 Jahren dann schon geworden und das Rolltor war 1973 auch nicht da, aber andere Merkmale wie zum Beispiel insbesondere die Fensterpositionen im oberen Stockwerk und die Fensterspalten rechts und links neben dem Tor ermöglichen Gewissheit, dass es sich um dasselbe Gebäude handelt.



Und deshalb ist es im vorliegenden Fall auch nicht schwer, 1973 und 2013 gegenüber zu stellen:





Im November 2016 hatte das Gebäude dann aber wohl die längste Zeit gestanden....




....und im September 2017 sieht man dann über dem Bürgersteig schon jene Bauten zum Schutz der Fußgänger, die man auch auf der 3-D-Aufnahme weiter oben erkennen konnte:




Im Juni 2018 existierte 1428 Fulton Street bereits nicht mehr, wie man hier sieht:



Im Oktober 2018 wurde bereits fleißig an einer Nachfolgebebauung gezimmert....




... und im Mai 2019 sieht man schließlich, dass der Bauherr, der hier ein Gebäude mit Mietswohnungen errichtet, offenbar hoch hinaus möchte:





Und wenn es denn mal fertig wird, dann soll das Gebäude so aussehen:



Nochmal zurück zum Ausgangsfoto:



Ich habe zum Spaß mal in die Fotosammlungen geschaut, ob es noch was aus der Vergangenheit auszubuddeln gibt. Bei oldnyc.org bin ich nicht fündig geworden, aber in der Sammlung des MCNY gab es tatsächlich eine alte Aufnahme von der vorletzten Jahrhundertwende, die zweifellos das ehemalige Gebäude an 1428 Fulton Street zeigt:

Power Houses and Substations Tompkins Sub Number 3, Side Fulton St, East of Brooklyn Avenue, ca 1909, 
from the collection of the museum of the city of New York


Und die Bildbeschreibung der Photographie, die ungefähr 1909 aufgenommen wurde, verrät uns, dass es sich ursprünglich mal um eine Kraftzentrale zum Betrieb der Brooklyn Rapid Transit handelte. Eine der Hochbahnlinien in Brooklyn, die Kings County Elevated Railway, führte die Fulton Street entlang und wurde bereits 1888 in Betrieb genommen, also 10 Jahre, bevor Brooklyn von einer selbständigen Stadt zu einem Stadtteil von New York City wurde. Das Foto oben wurde mit hoher Wahrscheinlichkeit von der Tomplins Avenue Station aus aufgenommen, die sich in unmittelbarer Nähe von 1428 Fulton Street befand.




Diese Aufnahme stammt von der Tompkins Avenue Station der Fulton-Street-Hochbahn, die allerdings nach Norden blickt, so dass das Power House sich außerhalb des linken Bildrandes befindet.



Link:
https://en.wikipedia.org/wiki/Brooklyn_Rapid_Transit_Company
https://en.wikipedia.org/wiki/Kings_County_Elevated_Railway
https://www.nycsubway.org/wiki/The_Fulton_Street_Elevated_(Brooklyn)


Es ist nun wieder zwischen sechs und sieben, aber zwölf Stunden später als heute morgen, als ich mit dem Beitrag angefangen habe. Und damit soll es dann für heute auch genug sein. Danke fürs Vorbeischauen, danke für die Aufmerksamkeit!