Samstag, März 30, 2013

White House Hotel


Und nochmal Shorpy. Ich komme heute irgendwie nicht von den hochauflösenden Bildern dort los. Dieses Mal bleiben wir aber auf Manhattan und steigen nicht wieder hinauf in die Bronx. Um genau zu sein, befinden wir uns hier in Südmanhattan an der Canal Street. Im Jahre des Herrn 1912 wurde das Foto aufgenommen, das die Häuser mit den Nummern 154, 156, 158 und 160 Canal Street zeigt. Das White House Hotel (das zweite von links) trug die Hausnummer 156.

So groß wie bei Shorpy geht es nicht, also besucht auch die Originalseite, um Euch an der hohen Auflösung dort zu laben.
http://www.shorpy.com/node/4771?size=_original#caption



Das White House Hotel stand auf der Südseite der Canal Street an einem Ort, der nur wenige Straßenblocks nordöstlich von den Five Points lag.



Das Haus, das wir auf dem Foto von 1912 oben sehen, steht vermutlich heute nicht mehr, wie man den Gebäudeinfos entnehmen kann, dort schätzt man, dass es ca. 1920 durch einen Neubau ersetzt wurde. Mit der Schätzerei der Stadtverwaltung von New York muss man manchmal aber auch vorsichtig sein, es könnte auch sein, dass man hier das alte Haus in neuem Gewand sieht. Wer weiss?



Ok, schauen wir mal auf das White House Hotel selbst. Allzu viele Gästezimmer kann das Haus dank seiner schlanken Gestalt nicht gehabt haben, also eher eine Unterkunft der Kategorie klein aber fein. Wobei fein fraglich ist bei der Umgebung, aber schick sah es von außen schon aus, bei der Fassade hat man sich schon einige Mühe gegeben, um dem Gebäude Klasse zu verleihen. Unter dem Balkon der "Präsidentensuite" im Obergeschoss dann das wichtigste Schild am Haus: "THE WHITE HOUSE".


Im Erdgeschoss findet man eine Bar und einen Essensraum. Die Aufschrift an der Markise (?) verrät, welches edle Getränk hier ausgeschänkt wird: GEO. EHRETS EXTRA BEER




Das war eine örtliche Biermarke, die in George Ehret's Hell Gate Brewery hergestellt wurde. Es wird wohl kaum einen wundern, dass Georg Ehret 1835 in Germany geboren wurde.
http://www.beerhistory.com/library/holdings/ehret.shtml
http://www.findagrave.com/cgi-bin/fg.cgi?page=gr&GRid=14779953



Leicht zu übersehen, aber trotzdem vorhanden ist der schmale Aufgang zu den Hotelräumen, den man links am Gebäude hinter dem Schuhputzerstuhl findet (Hotel Entrance).


Das White House Hotel hat es dank seines Namens in Verbindung mit einem besonderen Gast zu einer Fußnote in den amerikanischen Geschichtsbüchern geschafft. Es hat nämlich einmal einen Präsidenten-Attentäter beherbergt. Die Herren Lincoln (1865), Kennedy (1963) oder Reagan (1981) waren nicht die einzigen, die sich mit einem Attentäter konfrontiert sahen. Präsident William McKinley starb 1901 an den Folgen eines Attentats. Sein Vizepräsident und Nachfolger Theodor "Teddy" Roosevelt plante nach Ende seiner Präsidentschaft 1909 nochmals für eine neue Partei, die progressive "Bull Moose Party" zu kandidieren. Dabei wurde er 1912 selber Opfer, als er von der Kugel eines Attentäters getroffen, aber nicht getötet wurde. Er war sogar noch in der Lage, eine mehr als einstündige Rede zu halten, bevor er sich ärztlich versorgen ließ.
 
Der Attentäter, John F. Schrank, ein in Bayern geborener New Yorker Salonbetreiber nächtigte vor seinem Attentat (das sich allerdings in Milwaukee ereignete) im "Weißen Haus" an der Canal Street, kaufte sich am Broadway noch eine Waffe und machte sich dann mit dem Dampfer auf den Weg zu seinem Opfer.
 
 
(Schrank lächelt hier links)
 
 
Wer noch mehr über das Attentat auf Teddy Roosevelt erfahren möchte, der folge diesem Link:
 
Dort kann man übrigens auch sehen, wie der Präsident den Anschlag überlebt hat: die Kugel blieb wohl in den Notizen für die Rede stecken. Tja, die Fähigkeit, frei zu sprechen, mag zwar rethorisch wertvoll sein, aber wenn man viel vom Zettel abliest, kann einem das gelegentlich sogar mal das Leben retten.
 
 
 
Nach dieser Exkursion zurück in die Canal Street zum Ausgangsfoto und zum Alltag des Jahres 1912. Links vom Hotel liegt das Haus Nummer 154 Canal Street. In dessen Erdgeschoss findet man ein Geschäft namens "S. WOLARSKY & SON". Ich bin mir nicht so ganz sicher, womit die Wolarskys da handeln, erst dachte ich, Taschen oder Pakete, aber nach längerem Hinsehen meine ich, Wäsche wie zum Beispiel Hemden erkennen zu können.
 
 
 
Im Gebäude rechts neben dem Hotel, Hausnummer 158 Canal Street, findet man zwei Gewerbertreibende. Der eine, ein Schildermacher, hat seine Niederlassung im ersten Stock. Den zweiten, ein Strickwaren- und Unterwäschehändler, findet man im Erdgeschoss. Ähnlich wie beim Hotel führt auch hier wieder links ein schmaler Gang in den ersten Stock hinauf.
 
 
Ganz schön wilder Schilderwald oder? Vielleicht hat sich hier aber auch nur der Schildermacher im ersten Stock ordentlich ausgetobt, der muss ja auch schließlich zeigen, was er kann, wenn nicht am eigenen Gebäude, wo dann? Um das Herumgeschilder mal etwas zu entflechten, habe ich die Reklamen für den Schildermann rot markiert und die des Unterhosenhändlers in blau.
 
 
Das war aber noch nicht alles. Die Pole Position gehört dem Mann im Erdgeschoss. Denn der durfte seine Reklame auch noch gut sichtbar in der Nähe des Dachfirstes anbringen.
 
 
 
Kommen wir zum letzten Haus in der Reihe, die Hausnummer 160 Canal Street. Nein, eigentlich sind das auch zwei Häuser, 160 und 162 Canal Street. Was Herr David Abrahams da ganz rechts in seinem Laden auf der Ecke verkauft, vermag ich noch nicht einmal zu ahnen. Ich meine aber, in dem Haus Nummer 160 den Namen PELZ zu erkennen und "COTTON GOODS". Herr Pelz scheint mit Baumwollwaren zu handeln, so wie die meisten seiner Nachbarn auch.
 
 
 
 
Ok, schauen wir jetzt nochmal den Vergleich zwischen gestern und heute an, es liegen ziemlich genau 100 Jahre zwischen dem Foto und dem Jetzt.
 
 
 
Den Street View muss ich teilen. Hier ist zunächst ein alter, der im Kommentarfeld von Shorpy gepostet worden war und der jetzt nicht mehr greifbar ist. Könnte aber auch ein Foto sein, wenn ich es mir mal genau ansehe.
 
 
 
Und hier kommt jetzt der aktuelle Street View von Google. Der ist etwas schwer zu bändigen, weil die mit dem Wagen direkt vor dem Haus und nicht auf der anderen Straßenseite vorbeigefahren sind. Daher kann man das Ausgangsfoto mit dem Street View nur schwer nachäffen. Ich fange deshalb etwas weiter westlich an, an der Straßenecke, wo oben David Abrahams seinen Laden hat.
 
 
 
Also - der chinesische Juwelier mit den goldenen Buchstaben ist derjenige, der im Geschäft von "David Abrahams" haust, Haus Nummer 162. Die hausübergreifende Feuerleiter ist auch noch da.
 

 
 
Der Magnolia Juwelier links daneben sitzt in Haus Nummer 160, dem Geschäft vom Baumwollwarenhändler Pelz.
 

 
 
In dem dritten roten Ziegelbau, Hausnummer 158 Canal Street, findet man heute "Canal Street Optical Inc.", früher war dort B.S. Kahn, der Unterhosen- und Strickwarenhändler.
 

 
 
Und jetzt kommen wir zum ehemaligen "White House Hotel", dem Bau, der das Hotel vermutlich ersetzt hat. Oder sieht man das altehrwürdige Hotel hier nach einer radikalen Fassadenveränderung? Dummerweise ist hier auch noch ein kleines Anschlussproblem im Street View, weshalb man leider nicht einen kleinen Schritt nach links rücken kann, um das Haus besser ins Bild zu bekommen, da landet man direkt 30-40 Meter weiter links.
 
 
Es ist auf jeden Fall das Gebäude mit der hellblauen Fassade, das da steht, wo auf dem Ausgangsfoto das White House Hotel zu finden war.
 
Also, da wo einst die Bar und der Lunch Room waren, befand sich zuletzt das "Canal Street Jewelry Center". Also irgendwie sind die an der Canal Street ziemlich einfallslos. Entweder die handeln alle mit Baumwollhemden und Unterwäsche oder die verkaufen alle Juwelen. Wo bleibt da die Abwechslung???
 

 
 
Die Baustelle verrät, dass der Juwelenhändler in 156 Canal Street wohl nicht mehr handelt, das sieht stark nach Umbau aus (oder Abriss?). Der Kellereingang war mir auf dem Originalfoto bisher noch gar nicht aufgefallen, wenn man weiss, dass er da ist, kann man ihn aber auch dort wiederfinden.
 
Tja, liebe Freunde der Kunst, und das hier ist das, was den Platz der schönen ehrwürdigen Fassade des White House Hotels eingenommen hat:
 

 
 
Das bedarf wohl keiner Worte. Und dieses ein- bis zweistöckige Gebäude links nebenan hat den Platz von "S. Wolarsky & Son" eingenommen. Und wahrscheinlich auch noch den vom Nachbarn links von Wolarky's.
 

 
 
 
Als nächstes lass ich mal die Flugzeuge und Satelliten für uns wirbeln. 1924 führte in der Nähe noch eine Hochbahnlinie die Bowery entlang, das müsste die 3rd Avenue El gewesen sein. Die hatte sogar eine Haltestelle an der Canal Street.
 
 
1951 war die Hochbahn zwar noch da, aber nicht mehr lange.
 
 
Folglich sehen wir auf den Bildern von 1996 und 2008 wieder bis hinunter auf das Pflaster der Bowery. Unsere Häuserzeile kann man übrigens auch mal mehr, mal weniger gut auf den vier Bildern identifizieren.
 

 
 
Ich komme noch nicht so ganz von dem Thema los, also gilt es, sich noch durch die üblichen verdächtigen Quellen zu wühlen. Los gehts mit der NYPL Digital Gallery:
 
Dort gab es noch ein Foto aus den frühen Zwanzigern, auf dem das White House Hotel ebenfalls drauf ist:
 

 
 
Und der markante Kuppelbau, der hier noch im Bau ist, gehört zur "Citizen's Savings Bank", andererorts später auch "Manhattan Savings Bank" genannt.
 
Dann gibt es da eine etwas merkwürdige Serie, wo jemand 1976 die Türen an der Canal Street fotografiert hat, darunter auch einige von den Gebäuden, mit denen wir uns oben befasst haben. Daher nur die Bilder, die erklären sich dank der Hausnummern selber.
 




 
 
Und dann gibt es noch zwei Bilder aus der jüngeren Vergangenheit, aber ohne Datum, die zeigen, dass die roten Ziegelhäuser rechts vom Hotel früher auch mal blau gestrichen waren.
 

 
 
Ich springe mal rüber zum anderen Bildlieferanten, der Sammlung des Museums der Stadt New York.
 
Dort reisen wir zurück in die 1880er und schauen uns die Hochbahn über die Bowery an, so wie man sie im ersten Jahrzehnt nach dem Bau erleben konnte.
 
Bowery at Canal, 1884, from the collection of the museum of the city of New York
 

Bowery north from Canal, 1880s, from the collection of the museum of the city of New York
 
 
Dann habe ich da noch ein Foto von unserem Häuserblock entdeckt, bzw. von einem Teil des Blocks. Hier sieht man schon die Fassade, die an die Stelle des White House Hotels getreten ist. Das Bild stammt vom August 1957. 
 
 Canal Street and Bowery, Manhattan Savings Bank, 8 28 1957, from the collection of the museum of the city of New York
 
 
Erstaunliches bringen die Innenansichten aus der Manhattan Savings Bank zu Tage. Nicht nur in der Umgebung, auch in der Schalterhalle schineselt es ganz ordentlich. Die Bilder stammen vom Januar 1963. Erinnert schon fast an eine Kulisse aus einem frühen Bondfilm mit Connery.
 
Manhattan Savings Bank, detail of central vault, 1 23 1963, from the collection of the museum of the city of New York
 

Manhattan Savings Bank, detail of central vault, 1 23 1963, from the collection of the museum of the city of New York
 

Manhattan Savings Bank, detail of central vault, 1 23 1963, from the collection of the museum of the city of New York
 
 
Das war aber nicht immer so. In den 1920ern, als die Bank noch Citizens Saving Bank hieß, da hatte sie auch noch ein Inneres, das bankkompatibel aussah.
 
Citizens Saving Bank, interior view, ca 1925, from the collection of the museum of the city of New York
 

Citizens Saving Bank, interior view, ca 1925, from the collection of the museum of the city of New York
 

Citizens Saving Bank, interior view, ca 1925, from the collection of the museum of the city of New York
 

Citizens Saving Bank, interior view, ca 1925, from the collection of the museum of the city of New York
 

Citizens Saving Bank, interior view, ca 1925, from the collection of the museum of the city of New York
 

Citizens Saving Bank, interior view, ca 1925, from the collection of the museum of the city of New York
 
 
Ich krieg den Hals immer noch nicht voll. Aber das ist jetzt die letzte Bilderflut für diesen Beitrag. Als unverbesserlicher Hochbahnfan muss ich noch ein kleines bisschen Bildmaterial von der 3rd Avenue El und der Hochbahnstation an der Canal Street / Bowery hinterherschießen. Leider ist es mir nicht gelungen, auf den Bildern die Bank mit der Kuppel zu finden, wahrscheinlich war die Station etwas versetzt, so dass da Häuser im Weg sind. Aber auch diese Hochbahnstation bietet diese unwiderstehliche drüber und drunter-Optik. Die Farbfotos stammen aus dem Jahr 1955, als die 3rd Ave El stramm auf das Ende zumaschierte. Quelle war dieses Mal die Seite der U-Bahn von New York: http://www.nycsubway.org/wiki/The_3rd_Avenue_Elevated
 


 
 






 





 
 
Canal Street Station pictures were taken by George Conrad, Joel Shanus, Frank Pfuhler, David Pirman, Joseph Frank.
 
 

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