Sonntag, Mai 03, 2015

Ben-Hur and the Chariot Race (1899)



Am Anfang war das Wort. Und das bezogen auf diesen Beitrag in zweierlei Hinsicht. 

Zum einen war das der Roman "Ben-Hur, A tale of the christ", geschrieben von dem Bürgerkriegsgeneral und späteren Politiker Lee Wallace, der 1880 erschienen war und zu jener Zeit ein Bestseller im wahrsten Wortsinn.



Wer mit der Geschichte nicht (mehr) vertraut ist, kann hier in der Wikipedia nachschlagen, worum es in dem Roman geht: 


Und zum anderen war das die wunderbare Schwarte "Pioniere des Films - Vom Stummfilm bis Hollywood" von Kevin Bronlow, die eines der zahlreichen Kapitel der Produktion des berühmt-berüchtigten Monumentalfilms "Ben-Hur" von 1925 widmete. Dort habe ich vor Jahren das erste Mal von der aufwändigen Theateraufführung gelesen, mit der der Roman zum Ende des 19. Jahrhunderts für ein großes Publikum umgesetzt wurde. 


Als ich vor zwei Wochen zu dem Beitrag über die Chickering Hall recherchiert habe, bin ich auf Bilder gestoßen, die die Aufführung von Ben-Hur am Broadway zeigten und habe mir gedacht, dass das auch ein interessantes Thema für den Blog wäre. 




Angesichts des großen Erfolgs als Buch war es naheliegend, dass die Geschichte von Judah Ben-Hur irgendwann für die Theaterbühne umgesetzt wurde. Allerdings war das angesichts der großen Menge an spektakulären Handlungsorten und -ereignissen, darunter eine Seeschlacht zwischen Römern und Piraten und ein klassisches Wagenrennen, keine einfache Aufgabe. 

Außerdem hatte auch der Autor des Romans, Lew Wallace, beinahe 20 Jahre lang eine Aufführung blockiert, einerseits, weil er keine adäquate Möglichkeit sah, Jesus Christus auf einer Theaterbühne angemessen erscheinen zu lassen, andererseits aber auch keine Möglichkeit sah, das Wagenrennen realistisch umzusetzen.

Wer gedacht hat, dass sehr aufwändige Theaterproduktionen erst mit Andrew Lloyd Webbers Starlight Express oder Phantom der Oper begonnen haben, irrt. Denn die Produktion von Ben-Hur, die am 29. November 1899 am Broadway ihre Premiere feierte, kann bei einem fairen Vergleich sicherlich standhalten. 





Schauplatz des Spektakels war das "Broadway Theatre" an der Kreuzung 41st Street / Broadway , Hausnummer 1445 Broadway, einen Block südlich vom späteren Times Square und einen Block nördlich der alten Metropolitan Opera. (Bromley Stadtatlas von 1897, NYPL)




Byron Company, Broadway Theatre, 1895, from the collections of the museum of the city of New York


Da es mehrere Theater mit dem Namen "Broadway Theatre" gab, habe ich die "Internet Broadway Database" aufgerufen, um sicherzugehen, dass ich hier auch das richtige Theater erwische. 







Ben-Hur wurde wie erwartet ein Broadway-Hit und kam in seiner ersten Laufzeit auf 194 Aufführungen zwischen November 1899 und May 1900. Etwa 25.000 Tickets wurden pro Woche verkauft, die Menschen strömten zum Broadway, um sich die dreieinhalbstündige Show anzusehen.

Ben-Hur lief insgesamt 18 Jahre am Broadway, die erfolgreiche Show wurde auch an anderen geeigneten Orten installiert wie Boston, Philadelphia, Chicago oder London, Sydney und Melbourne. Eine Wandertheaterversion war sogar 21 Jahre im englischsprachigen Raum unterwegs. Am Ende hatten mehr als 20 Millionen Menschen Ben-Hur auf der Bühne gesehen. 



Ich möchte jetzt nochmal zur Uraufführung im November 1899 zurückkehren. Das Bild, mit dem ich diesen Beitrag eingeleitet habe, zeigt die Originalbesetzung der damaligen Aufführung. 



Dort wo dieses Bild herkommt, gibt es noch mehr Bilder von der Aufführung und den Schauspielern. Edward Morgan spielte den Judah Ben-Hur und William S. Hart den Messala. 









Die nachfolgende Seite enthält weitere Bilder, unter anderem auch von der Galeere und dem Ausgang der Seeschlacht und kann außerdem mit einer interessanten Information punkten. Normalerweise dauerten zu jener Zeit Kulissenwechsel noch mehrere Minuten, aber bei Ben-Hur hatte man es (wahrscheinlich auch aufgrund der Vielzahl an Schauplätzen) irgendwie realisieren können, dass die Schauplatzwechsel nur wenige Sekunden dauerten. 






Der Höhepunkt der Theateraufführung war - wie später auch bei den Kinofilmen - das Wagenrennen bei dem Judah Ben-Hur und Messala als Konkurrenten gegeneinander antreten. 


Und um dieses Ereignis wie vom Romanautor gefordert "realistisch" auf die Bühne zu bringen, setzte man echte Pferde, eine Tretmühle und ein Cyclorama ein. Man hat für damalige Zeiten sicherlich die Grenzen des Möglichen ausgelotet, aber auch für heutige Zeiten ist der Aufwand immer noch sehr beeindruckend für eine Bühnenproduktion.




In der New Yorker Produktion wurden die Streitwagen von Messala und Ben-Hur durch jeweils zwei Pferde gezogen, die auf der Tretmühle gesichert durch zusätzliche Vorrichtungen auf der Stelle galoppierten, während das rotierende Cyclorama dafür sorgte, das hinter den Streitwagen der Hintergrund mit dem Circus Maximus vorbeiflog und so die Bewegung der rasenden Pferde und Streitwagen Sinn machte und alles zu einem schlüssigen Gesamteindruck eines Wagenrennens verschmolz. Wie man in der Zeichnung erkennen kann, waren die Tretmühlen auch noch beweglich, so dass mal der eine und mal der andere Kontrahent im Rennen vorne liegen konnte. Die ganze Apparatur wog so um die 85 Tonnen, den natürlich musste ordentlich Stahl in das Gerüst rein, damit es die vier Pferde, zwei Schauspieler und zwei Streitwagen in voller Bewergung halten konnte. 




Heutzutage scheinen Pferde und Tretmühlen eine ganz normale Kombination zu sein, aber damals vor über 115 Jahren war die Idee der Theatermacher noch absolut innovativ.

Neben den Pferden erschien während der Aufführung auch noch ein echtes Kamel auf der Bühne: 



In dem Programmheft aus dem Jahr 1900, habe ich noch weitere Photographien der Bühnenversion von Ben-Hur entdeckt, die einmal mehr verdeutlichen, wieviele unterschiedliche Schauplätze in der Aufführung präsentiert wurden. 















Zum Abschluss möchte ich noch einen Blick auf die Verfilmungen von Ben-Hur werfen.



Die erste Verfilmung von Ben-Hur entstand 1907 zu einer Zeit, als sich das Zentrum der amerikanischen Filmindustrie noch an der Ostküste im Großraum von New York befand. Hollywood war zu dieser Zeit noch ein unbekannter Vorort am Rande von Los Angeles, die Filmproduktion wurde dort erst ab Beginn der 1910er aufgenommen. Folglich entstand dieser Film in räumlicher Nähe von New York, allerdings wohl im angrenzenden Nachbarstaat New Jersey, wo der damals die Filmindustrie beherrschende Filmmogul Thomas A. Edison sein Hauptquartier hatte.

Es handelte sich um einen damals üblichen One-Reeler (eine Filmspule) mit einer Länge von ca. 15 Minuten. Die Rolle des Messala übernahm wieder William S. Hart, der diese Rolle schon in der Originalbesetzung der Broadway-Aufführung verkörperte.
http://de.wikipedia.org/wiki/William_S._Hart

Die Handlung der unauthorisierten Verfilmung wurde durch enge Anlehnung an die Theaterversion generiert, was einen gerichtlich ausgetragenen Urheberrechtsstreit zur Folge hatte, der zu Ungunsten der Filmfirma endete.

Bei der Verfilmung des Wagenrennens (englisch: Chariot Race) an einem Strand in New Jersey griff man auf lokale Feuerwehrleute zurück, die die Kutschen fuhren und die Pferde stellten, die normalerweise Feuerwehrwagen zogen. Das Wagenrennen beginnt in dem nachfolgenden Video mit dem gesamten Film von 1907 ab Minute 10:14.
http://en.wikipedia.org/wiki/Ben_Hur_(1907_film)





Diese Verfilmung zeigt ein sehr frühes Stadium der Kunstform "Film", die ihre eigene Identität noch nicht so richtig gefunden hat, größtenteils erinnert das, was man zu sehen bekommt, an abgefilmtes Theater. Allerdings gab es 1907 durchaus schon Filmemacher, die deutlich mehr konnten als die Produzenten dieses Films (wie z.B. D.W. Griffith) und bereits eine eigene Filmsprache entwickelt hatten. 18 Jahre später sah das schon ganz anders aus:




1925 entstand die erste abendfüllende Verfilmung von Ben Hur in Italien und Kalifornien, 143 Minuten lang, einzelne Sequenzen sogar in frühem Technicolor. Berüchtigt ist die Verfilmung wegen angeblich ertrunkener Komparsen beim Drehen der Seeschlacht in Italien und zahlreicher toter Pferde bei den Aufnahmen des Wagenrennens. Dieses Mal greife ich auf einen Ausschnitt aus einer hervorragenden Fernsehserie über die frühen Jahre von Hollywood aus dem Jahr 1980 zurück, die in 12 Minuten ausführliche Entstehung über die Verfilmung des Wagenrennens liefert. 





34 Jahre später gab es eine weitere Verfilmung, dieses Mal komplett in Farbe und mit einem bis heute hochspannendem Wagenrennen als Filmhöhepunkt. Im direkten Vergleich kann man aber schon feststellen, das sich die 1959er-Version sehr stark von der 1925er-Version hat inspirieren lassen.

http://g-ecx.images-amazon.com/images/G/15/DVD/ADetail/Ben-Hur/600600-010C._V165286826_.jpg


Das gesamte fast zehnminütige Wagenrennen war zwar in einer Version minderer Qualität verfügbar, ich habe mich aber entschieden, diese Version mit besserer Qualität einzubetten, die die letzten vier Minuten des Rennens zeigt.





Der Vollständigkeit halber habe ich auch noch nach der 2010er TV-Version Ausschau gehalten. Ein Einzelabschnitt mit dem Wagenrennen war nicht verfügbar, wohl aber die Serie im Ganzen. Gegenüber den letzten zwei Verfilmungen hat man hier wieder eine paar Gänge zurückgeschaltet, um das Wagenrennen umzusetzen. Wer sich interessiert, findet es ab Zählerstand 2:29 min. Nicht irritieren lassen von der Tonspur, da wurde eine polnische Ein-Mann-Synchro über den Originalton gelegt.






Linksammlung:

Wikiseite über die Theaterproduktion (eng): http://en.wikipedia.org/wiki/Ben-Hur_(play)

Die Verfilmungen:


Bonustrack:

Eine letzte Frage ist noch ungeklärt. Nämlich die, wie ich eigentlich von der Chickering Hall auf Ben-Hur gekommen bin. Das liegt ja jetzt nicht gerade auf der Hand. Hier nochmal der Beitrag von vor zwei Wochen und das dazugehörige Gebäude an der Adresse 27-29 West 57th Street:

http://nygeschichte.blogspot.de/2015/04/chickering-hall.html


27-29 West 57th Street, Chickering Hall 1925, from the collection of the museum of the city of New York



Die Verbindung liegt in der Person, die man auf der nachfolgenden Bildcollage links im Kreis sieht:



Dieser Herr trug den Namen Dr. Martin Potter, war von Beruf Tierarzt, arbeitete in New York aber vor allem als Tiertrainer für Theaterproduktionen, weshalb man von ihm auch als "Noah of the Theater" sprach. Das war nicht übertrieben, denn er konnte neben Pferden und Kamelen auch Löwen, Elephanten und Tiger anbieten, aber auch Hunde, Ziegen und kleinere Tiere.

Der andere Herr auf dem Photo rechts war Dr. Samuel Field, ebenfalls Tierarzt und Pferdetrainer von Beruf. Bevor er sich den Tieren zuwendete, hatte er Federungen für Räder hergestellt, später als Soldat im Amerikanischen Bürgerkrieg gedient  und war als Gefängniswärter tätig gewesen.

Gegen Ende der 1880er schlossen sich die beiden zusammen und konzentrierten sich auf das Tiertraining für Theaterproduktionen. Ihr "Horse College" befand sich in einem großen, fünf Stockwerke hohen Stall an der Adresse 141 East 23rd Street, die Presse bezeichnete es auch als "Schauspielschule für Vierbeiner (The Quadrupedal Academy of the Drama)". 

Hier sieht man Pferde, einen Hund, ein Pony und einen Esel von Potter und Field in einer Aufführung von "Onkel Tom's Hütte" im Jahr 1901 auf der Bühne der Academy of Music:




Plays Uncle Toms Cabin, 1901, from the collections of the museum of the city of New York



Ein anderes Beispiel sind die Pferde, die hier bei "Way Down East" ca 1898 ebenfalls auf der Bühne der Academy of Music erscheinen.


Plays Way Down East, ca 1898 ,from the collections of the museum of the city of New York


Die Tiere trainierten zusammen mit den Schauspielern die jeweils aktuellen Stücke, in denen sie eingesetzt wurden und waren für die besonderen Bedingungen einer Theaterproduktion geschult, zum Beispiel auf die Bühne zu galoppieren und dann sehr schnell zum Stehen zu kommen, um den für die Zuschauer verständlichen Vortrag von Dialogen zuzulassen.

Ihr ahnt es sicher schon, auch die bei Ben-Hur ab 1899 eingesetzten Tiere wie Pferde und Kamele stammten aus dem Horse College von Potter und Field.

Diese Quelle spricht davon, dass auf der Bühne nicht nur 2 Kutschen mit 2 Pferden in der Tretmühle gejagt wurden, sondern vier Kutschen mit jeweils vier Pferden. Denkbar wäre, dass vielleicht ursprünglich 2 x 2 Pferde eingesetzt und später die Zahl der Kutschen und Pferde erhöht wurden, um den Thrill zu vergrößern.
http://hatchingcatnyc.com/2014/04/26/thespian-horse-college-gramercy-park/

Für das Spektakel und den Einsatz in den Tretmühlen wurden durch Potter und Field insgesamt 32 Pferde trainiert. Offenbar hat man die Pferde zunächst in einem abgedunkelten Bereich anlaufen lassen und wenn die Pferde einen bestimmten geschwindigkeitsbedingten Lautstärkepegel erreichten, wurde ordentlich Licht auf die Szenerie gegeben, so dass das Publikum dann auf Pferde im vollen Galopp in dem simulierten Rennen erblickten. Zuletzt wurden die Räder von Messalas Streitwagen abgezogen, das Licht wieder runtergedreht und die Pferde gebremst. Um das Rennen optisch noch realistischer zu gestalten, wurde sogar Staubwolken hinter den Kutschen herausgeblasen.


Ab 1906 gingen die Geschäftspartner getrennte Wege. Doktor Potter war ab 1905 als Tierarzt und Trainer beim 1905 eröffneten Hippodrome in Manhattan tätig. Außerdem arbeitete er für eine frühe Filmgesellschaft namens Fox Film Corporation mit Sitz an der 46th Street in der Nähe des Times Squares.

An der 30th Street östlich der Fifth Avenue betrieb Potter in den Räumlichkeiten seiner Vierbeinerakademie außerdem eine Art Pfandhaus, in dem mittellose Zirkusleute und Tiertrainer ihre Schützlinge gegen ein Darlehen abgeben konnten.

Dr. Martin Potter wohnte bis Beginn der 1920er in einem Apartmenthaus an der Adresse 27-29 West 57th Street.  In den frühen Morgenstunden des 02. Dezembers 1920 brach dort ein schweres Feuer aus. Fünf Bewohner, darunter Dr. Potter, konnten die brennenden Gebäude nicht mehr verlassen und kamen in den Flammen ums Leben.



Tragischerweise waren bei einer großangelegten Renovierungsmaßnahme ein Jahr zuvor die Treppenhäuser entfernt worden, die sich zuvor in jedem der Gebäude jeweils zwischen dem ersten und zweiten Stockwerk befunden hatten. Grund war die Schaffung von mehr Wohnraum pro Etage.

Nach dem Brand wurden die Ruinen abgerissen und auf den Grundstücken entstand vier Jahre später die Chickering Hall.


Bonustrack 2:

Einen allerletzten habe ich noch:

da ist noch die Frage offen, wie man bei der Theateraufführung die schwierige Frage gelöst hat, Jesus Christus in der Theateraufführung erscheinen lassen, ohne dass streng religiöse Zuschauer in ihren Gefühlen verletzt wurden und "Blasphemie !" hätten schreien müssen.

Dieses Problem hat man einfach, aber effektiv gelöst. Jesus Christus wurde nicht von einem Menschen dargestellt, sondern wenn seine Anwesenheit auf der Bühne gefragt war, wurde ein besonders starker Scheinwerfer aktiviert, der dem Sohn Gottes eine körperlose Präsenz in dem Schauspiel verschaffte.




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