Mittwoch, März 26, 2014

New York City and the Swastikas



Was ist denn nun los? New York City und die Hakenkreuze?

Also - angefangen hat das mit dem Foto oben, das mir Michal Juroska vor einigen Monaten geschickt hat und das die Hindenburg auf ihrer letzten Reise am 06.05.1937 über Lower Manhattan zeigt. Eigentlich ging es bei diesem Fotosharing mal wieder um das Manhattan Life Insurance Building, das man gut sichtbar unten in den Häuserschluchten sehen kann, wenn man weiß, wo man suchen muss. 



Tatsächlich ist mir an diesem Foto aber vor allem der Kontrast zwischen dem historischen New York und dem Luftschiff mit den riesigen Hakenkreuzflaggen auf den Rudern aufgefallen. Dann hatte ich da so eine Idee gehabt, die ich mal angegoogelt habe und da kam einiges zum Vorschein, was interessant genug war, um sich mal auf einen hier nicht so gewöhnlichen Pfad zu begeben.

Jetzt ist das so eine Sache mit der Präsentation von Hakenkreuzen in Deutschland. Die schlaue Wikipedia sagt zu dem Thema folgendes:

"Die politische Verwendung hakenkreuzförmiger Symbole ist in Deutschland, Österreich und weiteren Staaten seit 1945 verboten. Erlaubt ist in Deutschland eine Hakenkreuzdarstellung nach § 86 Abs. 3 StGB nur, wenn sie „der staatsbürgerlichen Aufklärung, der Abwehr verfassungswidriger Bestrebungen, der Kunst oder der Wissenschaft, der Forschung oder der Lehre, der Berichterstattung über Vorgänge des Zeitgeschehens oder der Geschichte oder ähnlichen Zwecken dient."

Dieser Beitrag gehört in die zum Schluss beschriebene Kategorie: die Berichterstattung über Vorgänge des Zeitgeschehens oder der Geschichte.



1. Die Hindenburg über Manhattan (1936 / 1937)


http://www.spiegel.de/fotostrecke/das-ende-der-hindenburg-einmal-new-york-und-nie-wieder-zurueck-fotostrecke-108146.html


Dass da jetzt so riesige Flaggen auf den Heckrudern waren, ist ja vom Ansatz her eine unbedenkliche Angelegenheit. Eine gut sichtbare Landesflagge auf dem (Luft)Schiff, dann weiß jeder, wo der Pott herkommt, selbst wenn der Zeppelin in größerer Höhe vorbeizieht und der Betrachter am Erdboden steht. Die deutschen Zeppeline waren ja auch im Ausland unterwegs, vor allem im regelmäßigen Passagierverkehr nach Nord- und Südamerika.

Die Idee der Nationalsozialisten, den Zeppelin quasi als überdimensionalen Werbeträger in eigener Sache zu verwenden, scheinen die Regierungen der Weimarer Republik wohl nicht gehabt zu haben, auf diesem Foto vom 05.06.1931 sehen wir die "LZ 127 Graf Zeppelin", eine viele Jahre lang eingesetzte Vorgängerin der "LZ 129 Hindenburg", ohne prägnante Heckflossenbemalung über New York



Der Vorteil der Hakenkreuzflagge ist ohne Zweifel ihr hoher Wiedererkennungswert. Ich weiß nicht, ob Schwarz-Rot-Gold eine ähnliche Wirkung entfalten würde (oder in der Zeit der Weimarer Republik hätte). 



http://www.pinterest.com/pin/5418462024081866/


http://baseballcrank.com/archives2/2007/05/history_the_hin.php




Wobei - auf diese Entfernung ist die Bemalung der Hindenburg nur noch schwer zu erkennen. Vielleicht musste man es aber auch einfach live und in echt und in Farbe sehen, wer weiß. 








2. Air Ship No. 9 Building - Dreamland Park - Coney Island 1904




Der Dreamland Park war einer der frühen großen Vergnügungsparks auf Coney Island am Südende von Brooklyn. Er wurde am 14.05.1904 eröffnet, überlebte aber keine 10 Jahre, sondern seine Geschichte endete unerwartet bei einem spektakulären Großfeuer am 27. Mai 1911. 




Das Luftschiff Nummer 9, auch "Baladeuse" genannt, wurde Anfang des 20. Jahrhunderts von dem französisch-brasilianischen Luftfahrtpionier Alberto Santos-Dumont gebaut und geflogen. 

Zum Beispiel mitten durch die Stadt Paris, um dann publikumswirksam vor der eigenen Stammkneipe zu landen und dort einzukehren. 



Die "Baladeuse" war eine der ersten Attraktionen im Dreamland Park und konnte dort nach der Eröffnung einige Zeit lang in einem Hangar hinter dem japanischen Teehaus und bei Rundflügen und Experimenten im Luftraum über dem Vergnügungspark bestaunt werden. 





Von dem japanischen Teehaus gibt es auch ein hochauflösendes Foto auf Shorpy.com, aufgenommen wahrscheinlich 1904. Es ist das gleiche Foto wie oben, in das noch das Luftschiff aus einer anderen Quelle hineinmontiert worden war. 



Gut und schön, werdet ihr jetzt sagen, aber wo ist denn nun der Haken? Das kann ich Euch zeigen. Wir gehen mal etwas näher ran an den Eingang, dort wo man "AIR SHIP" lesen kann. 



Auch die Verkaufsläden rechts und links sind mit den gleichen Ornamenten geschmückt: 




Gab es zu Beginn des 20. Jahrhunderts schon Nationalsozialisten in Brooklyn? Natürlich nicht! Blickt man in die Biografie des späteren Reichskanzlers österreichischer Herkunft, stellt man fest, dass der 1904 noch die Realschule besucht hat. Das Hakenkreuz wurde erst nach dem 1. Weltkrieg so um das Jahr 1920 herum in den Mittelpunkt der nationalsozialistischen Symbolik gerückt.

Das swastikageschmückte japanische Teehaus dürfte spätestens durch das Großfeuer von 1911 verschwunden sein. 



3. Die Gewöhnlichkeit der Swastika (Exkurs)


Vor 100 Jahren hat sich noch kein Mensch träumen lassen, dass dieses Symbol, das in vielen Kulturen als Glücksbringer gilt, wenige Jahrzehnte später einmal einen dermaßen veränderten Bedeutungsschwerpunkt erhalten sollte. 

Um das zu verdeutlichen, schaue ich mal etwas weiter über den Tellerrand von New York hinaus. Zum Beispiel nach Edmonton, wo 1916 diese Mädchenhockeymannschaft fotografiert wurde: 



Oder nach Atlanta, wo Coca Cola auf für heutige Augen ungewöhnliche Weise für seine coffeinhaltige Brause warb: 




Die Stummfilmschauspielerin Clara Bow in den 1920ern mit spektakulär verzierter Bekleidung:



Oder diese beiden Fahrradfahrerinnen am 07.02.1925 in Washington D.C. Die linke der beiden hat ein interessantes Profilmuster auf dem Vorderreifen:





Und nochmal Washington D.C., dieses mal 1929. Rechts in der Mitte im Regal stehen "Jar Rubbers".





Nun ja, wenn man sein Produkt schon "Good Luck Jar Rubbers" nennt, was passt dann besser auf der Schachtel als ein Glücksbringer-Symbol?



http://www.flickr.com/photos/clotho98/with/5303947846

Wenn man mich fragt, dann würde ich sagen, es handelt sich bei den Jar Rubbers um Gummiringe, die zum luftdichten Verschließen von Einweckgläsern verwendet werden.



Und schon wieder Washington D.C. Das Bild stammt von 1922, dieses Mal gilt das Augenmerk dem mosaikgefliesten Boden.





Wir bleiben in Washington D.C. des Jahres 1922, gehen aber hinaus in die Vororte, die sich auf dem Gebiet des Bundesstaates Virginia befinden. Dort flog eine ganz besondere Luftfahrtgesellschaft: Klan Air.

Und da wird es dann schon ein wenig beklemmend: Kapuzenmänner und ein Hakenkreuz auf einem Foto.



Aber selbst hier besteht aller Wahrscheinlichkeit nach keine Verbindung zwischen den Kapuzenmännern und dem Symbol auf der Heckflosse des Fliegers.

Denn den Glücksbringer Swastika sollen sich zu jener Zeit Flieger gerne auf den Flugapparat gemalt haben, so wie sich katholische Autofahrer gerne mal einen Christophorus an das Amaturenbrett ihres Wagens pappen. Es ist auch recht unwahrscheinlich, dass die Männer vom Ku Klux Klan 1922 schon die Symbolik einer weit entfernten und noch recht unbedeutenden nationalistischen Partei aus Süddeutschland kannten.

Dass es früher in den USA durchaus einen Markt für Hakenkreuzschmuck gab, beweist die nachfolgende Werbung aus dem Jahr 1917, wo zahlreiche Schmuckstücke in Swastikaform angeboten werden.

NYPL Digital Gallery


Ich schließe den Exkurs ab mit einer Geburtstagskarte, ungefähr 1910, und einer Neujahrskarte, ungefähr 1914. 



NYPL Digital Gallery


Vor allem die letzte Karte mit Neujahrsgrüßen verdeutlicht die Rolle der Swastika im frühen zwanzigsten Jahrhundert: sie war ein Glücksbringer und als solches wohl auf Augenhöhe mit dem Hufeisen und dem Kleeblatt, wie man hier sehen kann. 



4. Vanderbilt Cup Race 1937


Bei einem Autorennen auf Long Island sind die nachfolgenden Aufnahmen entstanden, die die Wagen der deutschen Rennfahrer Bernd Rosemeyer und Ernst von Delius zeigen. Die deutsche Flagge verrät wieder einmal die Herkunft der Fahrzeuge, ein ähnlicher Hintergrund wie bei der Flossenbemalung der Hindenburg.


Wurts Bros, Vanderbilt Cup Race on Roosevelt Raceway, 1937, from the collection of the museum of the city of New York


Wurts Bros, Vanderbilt Cup Race on Roosevelt Raceway, 1937, from the collection of the museum of the city of New York



Wurts Bros, Vanderbilt Cup Race on Roosevelt Raceway, 1937, from the collection of the museum of the city of New York



Wurts Bros, Vanderbilt Cup Race on Roosevelt Raceway, 1937, from the collection of the museum of the city of New York




5. Cliff Dwellers Apartments (1914)





Die nächste Station befindet sich im Nordwesten von Manhattan, am Riverside Drive, Höhe 96th Street. Dort sehen wir ein größeres Wohnhaus stehen, das 1914 gebaut wurde und das sich "Cliff Dwellers Apartments" nennt. 





An diesem Gebäude sind einige Ornamente angebracht, darunter auch die beiden nachfolgenden Terracotta-Tafeln ziemlich weit oben am Gebäude:



Nichts zu erkennen? So hoch reicht der Street View wohl nicht hinauf. Hier kann man mehr sehen:




Auf dieses Gebäude gestoßen bin ich über die Seite Forgotten-NY:
http://forgotten-ny.com/2007/07/commies-and-fascists-their-governments-may-be-dead-but-some-of-the-remains-can-be-found-in-nyc/



6. Swastikas in the New York Subway (1904)

Auf dieser Seite habe ich auch den Hinweis auf Hakenkreuzornamente in der New Yorker U-Bahn entdeckt. Es wurde dort eine interessante Serie über die U-Bahn-Stationen der IRT, der ersten New Yorker U-Bahn-Linie von 1904 veröffentlicht, die im Vergleich zu späteren U-Bahn-Stationen zum Teil noch etwas aufwändiger verziert waren. 


Da wäre die IRT-Station an der 33rd Street Station (Nähe Lexington Avenue), mit einem Hinweisschild, in dessen Ornamentik auch Swastikas eingepflegt sind. 



Und hier haben wir noch ein Exemplar, dieses Mal als Mosaik:




Auch an der 96th Street gibt es einen Halt, der mit Hakenkreuzen geschmückt wurde:







Und auch in den Stationen an der 103rd Street, 110th Street und an der 116th Street gibt es entsprechende auffällige Muster:










Hier sind die beiden Beiträge bei Forgotten NY über die ersten U-Bahn-Stationen von Manhattan:

http://forgotten-ny.com/2006/01/the-original-28-part-1-a-look-at-the-artwork-from-the-nycs-first-28-stations-opened-october-27-1904-2/

http://forgotten-ny.com/2006/01/the-original-28-part-2-a-look-at-the-artwork-from-the-nycs-first-28-stations-opened-october-27-1904/


7. El Fay Club (1924)


http://ephemeralnewyork.wordpress.com/2013/10/03/the-showgirl-and-her-notorious-1920s-speakeasy/


Der Eingangsbereich des "El Fay Clubs", an der West 48th Street war in den 1920ern mit zwei "Good Luck"-Symbolen geschmückt. Es handelte sich um ein Speakeasy, also ein Lokal, in dem während der Prohibitionszeit Alkohol ausgeschenkt wurde.


In 1924, Guinan partnered with gangster Larry Fay and created the El Fey Club, the “granddaddy of all speakeasies.” They stashed the liquor in a house next door so it was never technically stored on the premises. Patrons bought fake champagne—cider and alcohol—for $25 a bottle, or treated themselves to watered-down whiskey at $1 a shot. With those prices, patrons usually brought their own liquor; Guinan simply supplied the set-up and the fun.
http://www.flapperjane.com/June%202004/guinan.htm



8. 73 Coffey Street, Brooklyn (1910)




Unser nächster Haltepunkt befindet sich im Südwesten von Brooklyn, an der Hausnummer 73 Coffey Street. Aus der Ferne betrachtet sieht 73 Coffey Street ähnlich aus wie seine Nachbarn, ein schlichtes, gut 100 Jahre altes Ziegelhaus.



Dann schauen wir mal etwas genauer hin:






Die Erbauer des vielleicht um 1910 errichteten Hauses haben sich das Symbol für Glück und Frieden oben unter das Dach mauern lassen. 



In diesem Gebäude wird zurzeit ein Apartment angeboten: 


Die dort veröffentlichten Bilder zeigen auch das gemauerte Ornament unter dem Dach:










Auf dieses Haus bin ich über einen Beitrag bei Forgotten-NY gestoßen, der sich allerdings mit der ganzen Straße befasste: http://forgotten-ny.com/2008/10/coffey-street-red-hook/

Dort wird die Entstehungszeit des Hauses nur als Prä-1930s, also vor den 1930ern angegeben. 

In einem Beitrag auf Lost New York City wird als Entstehungsdatum das Jahr 1926 gehandelt, also 16 Jahre nach dem Baujahr laut Trulia. Der Beitrag dort beschäftigt sich kritischer mit dem Erscheinung der Swastika in Brooklyn. In diesem Zusammenhang wäre es wirklich interessant, wann das Teil dort oben hineingemauert wurde, 1910 oder 1926 macht da schon einen Unterschied.


http://lostnewyorkcity.blogspot.de/2010/05/unfortunate-brickwork-in-red-hook.html



9. Saint Stanislaus Kostka (1923)


Die Schnitzeljagd durch das Stadtgebiet von New York führt uns nun auch in den Norden von Staten Island, dem südlichsten Borough der Stadt. 





Dort befindet sich an der Adresse 109 York Avenue die 1923 gebaute Kirche "St. Stanislaus Kostka". 

Ich habe den Google Street View Mann versehentlich erst über die tiefer gelegene Jersey Street geschickt, so bekommt man aber zumindest schon mal einen guten Eindruck von der Kirche. 




Springen wir jetzt mal hinauf auf die höher gelegene York Ave: 





Diese Kirche ist im Eingangsbereich mit einer Vielzahl unterschiedlicher Symbole geschmückt worden: 



Hier verlassen wir jetzt mal den Street View und gehen hinüber auf klarere Fotos:





Gefunden in einem interessanten Beitrag über den Hamilton Park auf Staten Island, veröffentlicht bei Forgotten NY: http://forgotten-ny.com/2008/01/hamilton-park-staten-island/


10. The New York Chinese Scholar's Garden (1999)

Ich denke, zehn Beispiele sollen erstmal reichen. Die letzte Station ist erneut auf Staten Island und zur Abwechslung mal ziemlich neu, denn der "New York Chinese Scholar's Garden" wurde erst ganz gegen Ende des 20. Jahrhunderts angelegt und eröffnet.
http://en.wikipedia.org/wiki/The_New_York_Chinese_Scholar's_Garden


Gelegen ist dieser Park ebenfalls auf Staten Island und nur einige Fußminuten weiter östlich von unserer letzten Station.



Die Besonderheit dieses Gartens liegt darin, dass dort einige sehr interessante Ornamente entdeckt werden können.













Aber natürlich gibt es in diesem Garten nicht nur Swastikas, sondern noch viele andere Ornamente. Denn genauso wenig wie New York City mit Hakenkreuzen überflutet ist, weil hier und dort mal eines als Ornament auftaucht, so sind auch die herausgepickten Swastikas nicht prägend für die Gesamtoptik des chinesischen Parks, sondern eines unter vielen Motiven. 

Und damit beende ich den Beitrag.






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