Sonntag, Mai 27, 2018

The Unbuilt City



Ich habe zwar im Moment drei Beiträge im Entwurfstadium, aber keine Lust, an einem von ihnen weiterzuschreiben. Deshalb habe ich mal in einer alten Linksammlung geschaut, ob dort noch was interessantes abgelegt ist. Und ich würde sagen, ich bin fündig geworden. 

Wenn man über die Geschichte von New York schreibt, kann man verschiedene Ebenen ansteuern, zum Beispiel die Vergangenheit mit der Gegenwart oder der noch weiter zurückliegenden Vergangenheit vergleichen oder man kann versuchen, mehr über Gebäude zu erfahren, die zwar mal in New York gestanden haben, aber bereits wieder (lange) verschwunden sind. Und dann gibt es da noch eine Ebene, die wir bisher nur ganz gelegentlich besucht haben, die "wäre, dann hätte"-Ebene, Klugscheißer würden auch Konjunktiv Plusquamperfekt-Ebene sagen. So nach dem Motto "Wäre dieses Gebäude so gebaut worden, dann hätte New York so und so ausgesehen". 

Klar, an New York City wird seit dem 17. Jahrhundert gebaut, vieles aus den ersten Jahrhunderten ist schon lange verschwunden, Neues wurde an seiner Stelle gebaut, aber es gab (und gibt) verschiedene Pläne, die niemals oder nicht in der Form wie geplant realisiert wurden. 

Ein interessantes Beispiel dafür ist das World Trade Center, dass wir als Titelbild zu diesem Beitrag sehen. Zu Beginn der Planungen, die bis in das Jahr 1943 zurückreichen, ging man noch davon aus, dass der Welthandelskomplex an der Ostseite von Manhattan errichtet würde, rechts unten kann man einen Pfeiler der Brooklyn Bridge erkennen. Allerdings war an den Planungen auch wesentlich die Port Authority von New York beteiligt und in der spielen nicht nur die Stadt und der Staat New York eine Rolle, sondern auch der Staat New Jersey. Und der konnte sich letztendlich durchsetzen in seiner Meinung, dass das World Trade Center in Lower Manhattan nicht auf die Ost- sondern auf die Westseite und damit näher an New Jersey gehörte. 

In früheren Beiträgen haben wir uns schon mal angesehen, wie der Neubau der Metropolitan Opera mal 1926 von Joseph Urban geplant wurde....



... und wie man neben den Metropolitan Life Tower am Madison Square, der von 1909 bis 1913 das höchste Gebäude in New York und auf der Welt war, 1929 ein weiteres Gebäude errichten wollte, das typisch unbescheiden mal wieder das höchste Gebäude werden sollte, in der Realität aber nicht über die untersten Stockwerke hinauskam: 


Hier sehen wir nochmal die Metropolitan Opera in einem anderen Entwurf von 1929, der sie als Teil von Rockefellers "Civic Center" vorsieht. Und der so ebenfalls nicht realisiert wurde.


Sowohl das Rockefeller Center als auch der tatsächliche Neubau der Metropolitan Opera wurden anders realisiert als wie man es hier sieht. 

Im Jahr 1908 plante der spanische Architekt Antoni Gaudi ein Hotelgebäude, das im Süden von Manhattan errichtet werden und das höchste Gebäude in New York werden sollte. Das "Hotel Attraccion" oder "Hotel Attraction", das als Kundschaft diejenigen mit den größeren Geldbeuteln anpeilte, wurde aber niemals gebaut. Über die Gründe gibt es unterschiedliche Versionen, mal sind die kommunistischen Ideale des Architekten ausschlaggebend, mal der Umstand, dass er 1909 erkrankte und deshalb das Projekt nicht abschloss.




Nur in einer alternativen Realität von New York City, die für die Fernsehserie "Fringe" geschaffen wurde, sehen wir das von Gaudi entworfene Hotel in Südmanhattan zusammen mit dem World Trade Center stehen: 




Im Jahr 1920 hat man auch mal über ein neues Rathaus für New York City nachgedacht, allerdings konnte sich diese Hochhausidee nicht durchsetzen, wir wissen, dass als City Hall immer noch jenes Gebäude in Lower Manhattan dient, das bereits im frühen 19. Jahrhundert errichtet wurde.



Ich habe keinen genauen Schimmer, wo dieses Gebäude hätte stehen sollen. Bei den nachfolgenden Ideen für Neubauten für die Stadt New York kann man dank des alten New Yorker Rathauses und des Municipal Buildings ahnen, wo die hätten stehen sollen, realisiert wurden auch diese Bauten nicht.




1923 entstand der Entwurf für den "Broadway Temple", eine Mischung von Hochhaus und Methodistenkirche, der an der Ecke 173rd Street / Broadway im Viertel Washington Heights im Norden von Manhattan hätte errichtet werden sollen. Man beachte das 23 Meter hohe Kreuz auf der Spitze, das als Blickfang auch noch um die eigene Achse rotieren sollte. Hier war wie in anderen Fällen die Weltwirtschaftskrise Grund dafür, dass das Gebäude nicht realisiert wurde:



Ebenfalls ein Opfer der Weltwirtschaftskrise war der Larkin Tower, der im Westen der 42nd Street errichtet werden sollte, dort wo heute das McGraw Hill Building steht. Wäre der Larkin Tower wie 1925 mit 110 Stockwerken realisiert worden, wäre er sicherlich für geraume Zeit einer der Riesen in New York City gewesen.





Kommen wir nun zu einem ziemlich ausgefallenen Projekt. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich das früher schon mal präsentiert habe, als ich über die geplanten, aber nicht realisierten Hudson-River-Brücken geschrieben habe. Aber falls ja, ist es dennoch eine neue Erwähnung wert. Es handelt sich dabei um einen Flughafen, der an die Westseite von Manhattan angedockt werden sollte. Nördliches Ende des "Flughafengeländes" wäre im Südwesten des Central Parks gewesen, ungefähr dort, wo heute die Metropolitan Opera auf dem Gelände des Lincoln Centers zu finden ist. Das Flughafengebäude wäre so zugeschnitten gewesen, dass es sich an den schrägen Verlauf des Broadways in diesem Sektor angepasst hätte.  Laut Beschreibung hätte es sich das Flughafengelände  von der 71st Street über viele Straßenblöcke hinweg bis zur 24th Street erstreckt, also weit nach Chelsea hinein. Achja, Namensgeber für den Flughafenentwurf war der einflußreiche Immobilienhändler William Zeckendorf, dessen Vision in einer Ausgabe des LIFE Magazines im Jahr 1946 der Öffentlichkeit vorgestellt wurde: Zeckendorf West Side Airport.




Die Idee mit den Rollbahnen auf dem Dach des Flughafengebäudes und mit den integrierten und teilweise überdachten Hafenpieren finde ich schon recht interessant, aber wer hätte schon gerne am Ende der Rollbahn sein Haus haben wollen? Und der Flugverkehr hat sich nach den 1940ern so rasant weiter entwickelt, dass es unumgänglich war, zumindest den Internationalen Flughafen von New York weit an die Grenzen der Stadt auszulagern. Der Inlandsflughafen La Guardia dagegen liegt schon recht nahe dran, wenn auch an Queens und nicht an Manhattan.

Wäre dieser Komplex realisiert worden, dann hätte man wirklich einen Grund gehabt, BAUWERK zu sagen. Aber hallo!




Es waren übrigens nicht nur Amerikaner, die so schwindelige Ideen hatten, einen Flughafen mitten in die Stadt zu bauen. Auch die Briten spielten einst mit dem Gedanken eines Flughafens über der Themse und in der Nähe des Parlamentsgebäudes.



Links: 
http://www.boweryboyshistory.com/2011/05/why-not-lets-build-this-outlandish.html
http://longstreet.typepad.com/thesciencebookstore/2010/02/rootop-airport-east-river-nyc.html


Bleiben wir bei wichtigen Knotenpunkten für den Nah- und Fernverkehr. Das Grand Central Terminal hätte völlig anders aussehen können, wenn die Version realisiert worden wäre, die von dem berühmten Architektenbüro McKim, Mead and White vorgeschlagen wurde:



Offenbar hatte den Herren die zweite Version des Madison Square Gardens sehr gut gefallen, denn auch diesen Entwurf für den riesigen Bahnhof in New York schmückte als Blickfang eine Giralda, ergänzt um eine überdimensionale Bahnhofsuhr.



Das erste Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts war die große Zeit der Vergnügungsparks auf der Brooklyn vorgelagerten Insel Coney Island, im Zentrum des Trubels neben anderem vor allem der "Luna Park" und der "Dreamland Park". Und auch dort gab es unrealisierte Projekte. So wurde dort 1906 nichts weniger als das größte Stahlbauwerk der Welt geplant: der "Coney Island Globe Tower".




In der ungefähr 214 Meter hohen Stahlkugel sollten 11 Stockwerke Platz finden. Und auf diesen 11 Stockwerken war geplant, mehrere Restaurants, ein Vaudeville-Theater, eine Rollschuhbahn, Bowlingbahnen, einarmige Banditen, eine Rennbahn (? - Aerial Hippodrom), vier Zirkusmanegen, einen Ballsaal, eine Aussichtsplattform und eine Wetterstation unterzubringen.



Nachdem aber zwei Jahre lang fast nichts gebaut wurde, obwohl die Finanzierung bereits angelaufen war, stellte sich das Projekt schließlich als großer Betrug heraus.

Ich möchte auch noch diese Abbildung aus der New York Tribune vom 20.01.1907 präsentieren, die die Größenordnung verdeutlicht, in der der Coney Island Globe Tower, auch Friede Globe Tower genannt, spielen sollte.



Als Größenvergleich sind all jene Bauwerke herangezogen, die 1907 ebenfalls sehr groß waren: links der Rathausturm in Philadelphia, das seit 1901 höchste Bürogebäude auf der Welt, daneben das Flatiron Building (1902), ein markanter früher New Yorker Wolkenkratzer, rechts außen das Park Row Building (1899), einst höchstes Bürogebäude auf der Welt, abgelöst vom City Hall Tower in Philadelphia und dahinter das Washington Monument in der Hauptstadt. Näher an der Bildmitte zwei Gebäude, die sich 1907 im Bau bzw. in Planung befanden, rechts in der Mitte das Singer Building  (1908) und links in der Mitte (plus Kasten im Vordergrund) der Uhrenturm des Metropolitan Life Towers (1909). Im Bildhintergrund der alles überragende Coney Island Globe Tower und davor der Eiffelturm. Mir ist unklar, wie die Relationen hier zu interpretieren sind. Ist der Eiffelturm noch höher oder überragt der Coney Island Globe Tower den Eiffelturm dank des oberhalb der Aussichtsplattform angebrachten Gebäudespitze mit Fahnenmast?

Der Globe Tower hatte bereits eine Vorgeschichte bei den großen Ausstellungen in Chicago 1893 und in St. Louis 1904:
http://www.ephemerasociety.org/blog/?p=210


1929 wurden Pläne für die Neugestaltung des Battery Parks ganz im Süden von Manhattan entworfen, der danach so aussehen und als Blickfang mit einem riesigen Obelisken geschmückt werden sollte:



Wahnwitziger finde ich die Pläne zur Neugestaltung von Ellis Island aus dem Jahr 1959, nachdem die im Hafenbecken von New York befindliche Insel nicht mehr als Einwanderinsel benötigt wurde:




Kommen wir noch einmal auf das Thema Vergnügungsparks zurück. Wie oben erwähnt, war das frühe 20. Jahrhundert das goldene Zeitalter der Vergnügungsparks auf Coney Island. Nur eine gute Handvoll Meilen weiter östlich von Coney Island befand sich die Jamaica Bay hinter Rockaway Beach und vor den Ufermarschland des Stadtteils Queens.

In dieser Bucht befinden sich zahlreiche flache und bis heute nahezu unbewohnte und ungenutzte Inseln. Diese Inseln sind heute nach Long Island das erste Land, was man von New York sieht, wenn man sich im Landeanflug auf den John F. Kennedy-Airport befindet. Am 03.07.1910 veröffentlichte die New York Tribune eine Abbildung, die Pläne für einen Vergnügungspark auf den Inseln der Jamaica Bay illustrierte. Vorbild war in mehrerlei Hinsicht die Lagunenstadt Venedig in Norditalien. Realisiert wurde das New Yorker Venice  aber nicht.



Naja, ganz vergnügungsparkfrei war die Jamaica Bay aber nicht, bereits 1907 wurde "Golden City" in Betrieb genommen mit zahlreichen Attraktionen. Dieser Park war bis in die 1930er in Betrieb. Hier kann man mehr darüber erfahren:
http://lostamusementparks.napha.org/Articles/NewYork/GoldenCity-NY.html




Zum Schluss dieses Beitrags möchte ich die Fifth Avenue im Jahr 1930 ansteuern, wo das nachfolgende Hochhaus mit dem schönen Namen "Fashion Building" errichtet werden sollte.



Das wäre sicherlich interessant zu erfahren, ob dieses Gebäude bei Realisierung tatsächlich eine derart bunte und auffällige Fassadengestaltung erhalten hätte.



Main Sources:


https://untappedcities.com/2011/06/06/the-new-york-city-that-never-was-part-i-buildings/


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