Sonntag, Dezember 06, 2015

Hotel Gerard



Gestern habe ich über das Hotel Algonquin in der 44th Street berichtet, heute schauen wir uns ein Gebäude an, das nicht allzuweit vom Algonquin entfernt steht: das Hotel Gerard an der Adresse 123 West 44th Street. 

Auch dieses historische Gebäude war mir bei unserem abendlichen Streifzug rund um den Times Square vor zwei Monaten an der Nordseite der 44th Street zwischen Times Square und 6th Avenue aufgefallen und ich habe es jetzt auf drei unscharfen Aufnahmen wiederentdeckt. 





Das Hotel Gerard wurde bereits 1894 fertiggestellt und in Betrieb genommen und war seinerzeit das höchste Gebäude in der Umgebung. Es verfügte über 13 Stockwerke und 362 Zimmer.




In den ersten Jahrzehnten handelte es sich bei dem Hotel Gerard um ein durchaus feudales Hotel, das seine Übernachtungsgäste in den gutbetuchten Reihen suchte. Die nachfolgende Aufnahme entstand 1909 im Hotel bei einem Bankett der "Old Fourteen".

Old Fourteen, Hotel Gerard, 1909, from the collection of the museum of the city of New York


1916 ereignete sich im Hotel von der Küche ausgehend ein schwerer Brand, der zum Glück nur Sachschäden, aber keine Personenschäden zur Folge hatte. Hier sehen wir das Hotel Gerard zu Beginn der 1920er, vom Brand sind keine Spuren mehr zu erkennen.

Irving Underhill, Hotel Gerard, 123 W 44th St, 1920, from the collection of the museum of the city of New York


Wenige Jahre später erhielt das Hotel einen neuen Namen und hieß nun "Hotel Langwell".



Ab den 1920ern war aber auch die Polizei immer häufiger zu Gast, sei es, um Gäste festzunehmen oder sich eine Schießerei mit Bankräubern zu liefern oder um das Opfer eines Juwelenraubs zu vernehmen. Außerdem nutzen wiederholt männliche und weibliche Gäste die Höhe des Gebäudes, um aus einem Fenster zu springen und dem eigenen Leben ein Ende zu setzen. Und um das Ganze noch abzurunden, tobte hin und wieder auch eine Feuersbrunst durch die Korridore.




In den 1970ern schließlich war das Hotel genauso wie die meisten anderen Gebäude in der Umgebung des Times Squares schwer heruntergekommen und beherberte Gängster und Diebe, Prostituierte und Luden, Drogensüchtige und sonstige instabile Personen, also jene Art von Volk, welches damals die Realität und den Ruf des Times Squares prägte. Zu dieser Zeit trug es den Namen "123 Hotel".




Wie wir alle wissen, hat der Times Square irgendwann in den 1990ern die Kurve gekriegt und den Ruf der verruchten Meile abschütteln können. In Kielwasser dieser Veränderungen hat auch das Hotel Gerard wieder Auftrieb erhalten, es wurde renoviert und heißt heute "AKA Times Square"

"Hotel-gerard" by Americasroof at en.wikipedia. Licensed under CC BY-SA 3.0 via Commons - 


Heute ist das Hotel Gerard ein Wohnhotel mit 105 Suiten, darunter auch einige zweietagige Penthouses. 

Dank der engen und häufig hohen Bebauung ist das Hotel Gerard nicht ganz leicht auszumachen, Wenn man sich von Westen her nähert, ist es aber möglich, den Klassiker zwischen den modernen Glastürmen wiederzufinden:


google earth


Mehr über die Geschichte des Hotel Gerard bei Daytonian in Manhattan:


Bevor ich den Beitrag abschließe, möchte ich noch kurz zwei klassische Hochhäuser erwähnen, die etwas weiter westlich die 44th Street hinunter in der Nähe des Times Squares stehen und die mir in der Nacht ebenfalls aufgefallen waren. 


156 West 44th Street





Laut Emporis verfügt das 156 West 44th Street genauso wie das Hotel Gerard über 13 Stockwerke, ist fast 44 Meter hoch und wurde 1925 fertiggestellt. Die Höhe und die Position an der 44th Street sind nicht die einzigen gemeinsamen Merkmale, beide Gebäude wurden von Architekt George Keister entworfen.




Der Street View bei Google offenbart bereits einige schöne Details an der Fassade oberhalb des Erdgeschosses. Darüber befinden sich weitere Stockwerke mit Wohnungen, die nur schlicht ornamentiert sind. Oben in der Nähe von Dach und Giebel wird es dann wieder prächtiger. 





Das zweite Gebäude steht ebenfalls an der Südseite der 44th Street und ist mit Baujahr 1906 fast 20 Jahre älter als das 156 West 44th Street.


142 West 44th Street






Das 142 West 44th Street ist vor allem ein Wohnhaus und - man sieht es ihm auf den ersten Blick von der Front her nicht an - es beherbergt auf seinen 10 Stockwerken und 34 Metern Höhe stolze 27 Apartments.






Und hier können wir auch einen Blick in das Innere werfen. Das Apartment dürfte von der Straße abgewandt im Inneren des Straßenblocks liegen. Die Photos stammen zwar aus einer Quelle, aber von mehreren Photographen. Auch wenn es um ein New Yorker Apartment geht, glaube ich nicht, dass man dort regelmäßig mehr als eine Küche findet. Ich gehe stark davon aus, dass hier exemplarisch Bilder aus mehreren Wohnungen im Haus zusammengefasst wurden.


















Im Erdgeschoss von 142 West 44th Street befindet sich noch ein kleines sympathisches Restaurant mit venetianischer Küche namens "Osteria al Doge".








Auf dieser Aufnahme von 1949 sehen wir das 156 West 44th Street links neben dem nicht mehr vorhandenen "Hotel Claridge" an der Ecke Broadway / 44th Street. 

Arthur Rothstein, New York in the Summertime, Hotel Claridge and 44th Street, 1949, from the collection of the museum of the city of New York





Wir springen ein paar Jahrzehnte zurück in die Vergangenheit, um uns das Szenario 1913 anzusehen. Rechts im Bild wieder das "Hotel Claridge", das 156 West 44th Street stand damals noch nicht, das kam erst 12 Jahre später, aber 142 West 44th Street kann man gut erkennen und ebenso gegenüber die Westseite vom Hotel Gerard.

Irving Underhill, Hotel Claridge, Broadway and 44th St, 1913, from the collection of the museum of the city of New York




Dazu im Vergleich die 44th Street heute östlich vom Times Square. Rechts im Vordergrund 156 West 44th Street, ein Stück dahinter 142 West 44th Street und schräg gegenüber auf der anderen Seite das ehemalige Hotel Gerard.







Und das Ganze nochmal in die Gegenrichtung nach Westen zum Times Square hin. Man beachte die schon ziemlich verblasste Aufschrift "Hotel 1-2-3" am ehemaligen Hotel Gerard.








Ich denke, das soll für heute erst mal reichen. Zum Ende des Beitrags noch eine Abendaufnahme vom verregneten Times Square zu Beginn der 1950er mit dem Hotel Claridge rechts, markiert durch eine überdimensionale CAMEL-Reklame über dem Erdgeschoss. Dahinter führt die 44th Street rechts hinein.

 Alfred Mainzer, Times Square at Night, ca 1950, from the collection of the museum of the city of New York



Samstag, Dezember 05, 2015

The Algonquin

Byron Company, Hotel Algonquin, ca 1907, from the collections of the museum of the city of New York


Beim letzten New York-Aufenthalt vor zwei Monaten habe ich die Kamera bei unseren Streifzügen immer mal gerne auf alte Gebäude gerichtet, an denen wir gerade vorbeikamen, um mögliches Material für spätere Beiträge im Blog zu sammeln. 

Da ich ohne Blitz und mit einer Amateurkamera fotografiert habe, sind diese Bilder nicht besonders gut geworden, aber sie reichten aus, um das Gebäude wiederzufinden. 



Diese zwei Aufnahmen sind während eines Abends im Umfeld des Times Squares entstanden, um genau zu sein, östlich vom Times Square auf der Nordseite der 44th Street zwischen 6th Avenue und 5th Avenue. Und das zweite Foto hat mir verraten, dass ich das "Algonquin" fotografiert hatte.

Und als ich gerade in der Wikipedia geblättert habe, musste ich feststellen, dass es sich bei diesem Gebäude um einen echten Glückgriff handelt, denn "The Algonquin Hotel" soll das älteste in Betrieb befindliche Hotel in New York City sein, also ein Gebäude, das durchaus mal einen Slot verdient hat. 

Nach seiner Eröffnung 1902 wurde es zunächst als Apartment-Hotel betrieben, allerdings ohne ausreichende Resonanz, so dass man es bald in ein normales Hotel unfunktionierte. Der Name "The Algonquin" leitet sich von einem mehrere Stämme umfassendes Indianervolk namens Algonkin ab.

In der Sammlung des Museums der Stadt New York findet man zahlreiche Aufnahmen aus dem Inneren des Algonquin zur Zeit der vorletzten Jahrhundertwende:








Byron Company, Hotel Algonquin, Interior views,1906, from the collections of the museum of the city of New York


Ein ordentliches Hotel musste natürlich auch die Dienstleistungen eines Barbiers anbieten.

Barbershop Hotel Algonquin 59 West 44th Street, 1906, from the collections of the museum of the city of New York


Vor 100 Jahren hat mal jemand die Küchentür geöffnet und ein Foto gemacht:

Hotel Algonquin, cooks working at ovens, ca 1915, from the collections of the museum of the city of New York


Mitte der 1920er wurde der Chinese Dining Room im Algonquin photographiert. Ob sich das "Chinese" nur auf die Deko bezog oder ob dort auch chinesisches Essen serviert wurde, kann man hier nicht erkennen. 

 Hotel Algonquin, Chinese Dining Room, 1924, from the collections of the museum of the city of New York


Noch ein Bild aus dem Inneren, wahrscheinlich coloriert:



Die folgenden Außenaufnahmen stammen aus dem Jahr 1937:


 59-65 West 44th Street, Hotel Algonquin,  1937, from the collections of the museum of the city of New York


Zu Beginn der 1940er war die gegenüberliegende Seite temporär unbebaut, so dass Aufnahmen aus einer etwas größeren Entfernung möglich wurden, leider nicht in einer höheren Auflösung greifbar: 




Heute ist die 44th Street wieder beidseitig bebaut, wie man im Google Street View sieht:



Und mit den nachfolgenden Luftansichten endet der Beitrag über das Hotel Algonquin:


google earth


Webseite des Hotels:





Sonntag, November 29, 2015

r.i.p. Johanna Jacob



Als ich gerade den Beitrag über die 3rd Ave El und die Bowery fertiggestellt und mir das Ergebnis angesehen habe, musste ich feststellen, dass in der Wochen Top Ten der kurze Beitrag über die Jacobs Sisters, den ich im vergangenen Jahr veröffentlicht hatte, aktuell auf Platz eins steht. 





Meine Vermutung, dass der Grund hierfür nicht so erfreulich sein wird, hat sich bestätigt, denn die älteste Schwester im Quartett, Johanna Jacob, ist im Alter von 76 Jahren verstorben. 



The Bowery and the Third Avenue El



Bei meinem letzten Aufenthalt in New York City vor einen paar Wochen war unser Quartier in einem Haus an der Ecke Chrystie Street / Hester Street. Deshalb schaue ich im Moment immer noch mit Interesse auf alles, was irgendwie mit der Umgebung dieses Ortes und seiner Geschichte zu tun hat. 

In diesem Kontext ist auch der nun folgende Beitrag zu sehen, denn die "Bowery", eine bedeutsame Nord-Süd-Verbindung in Südmanhattan, war nur einen Straßenblock von unserer Adresse entfernt. 

google maps


Die Bowery beginnt quasi als Verlängerung der Park Row direkt hinter dem Chatham Square...



...und führt von dort über eine Länge von 1,6 km Richtung Norden, um auf Höhe der 4. Straße zu enden und in den Cooper Square überzugehen.



Ihren Namen hat die "Bowery" von  einem altertümlichen niederländischen Wort für Bauernhof, "Bouwerij", auf Deutsch "Bauerei".

Im Verhältnis zu anderen Straßen, die von Süden nach Norden und zurück führen, ist die Bowery verhältnismäßig breit, weshalb dort ab Ende der 1870er für über 75 Jahre die Hochbahntrasse der Third Avenue Elevated Railway entlangführte. In den ersten Jahren wurden die Lokomotiven der Hochbahnzüge noch mit Dampf angetrieben, später erfolgte die Umstellung auf Gleichstrom.

Anhand der Sammlung von hochauflösenden Bildern bei Shorpy.com möchte ich einen kurzen Blick auf die Vergangenheit der Bowery und der für viele Jahrzehnte mit ihr verknüpfte Hochbahntrasse werfen. Wie immer gilt meine Empfehlung: folgt den Links unter den Bildern und schaut Euch die Bilder in Originalgröße bei Shorpy an, so spektakulär kann ich sie hier nicht präsentieren. 

Zu Hochbahnzeiten begann die Bowery an der aufwändig gebauten Hochbahnstation über dem Chatham Square, wo einerseits zwei Hochbahntrassen von South Ferry und von City Hall kommend zusammengeführt wurden, andererseits die Third Ave El und die Second Ave El ihren gemeinsamen Ausgangspunkt haben. 



Noch heute führt die Bowery unweit von der aufwändig gestalteten Auffahrt / Ausfahrt der Manhattan Bridge vorbei, allerdings ist der Süden der Bowery heute vor allem durch die Präsenz des Confuzius Plaza-Hochhauskomplexes geprägt. 



Das nachfolgende Photo habe ich schon einige Male im Blog präsentiert, es wurde etwa zur Zeit des Ersten Weltkriegs auf dem Bahnsteig der Chatham Square Station aufgenommen und zeigt den Blick von dort in südliche Richtung. 



Kenner erkennen rechs oben das Municipal Building und im Bildhintergrund verschwundene Gebäudeklassiker wie das Singer Building, das Tribune Building und das World Building.




In nördliche Richtung fällt der Blick dagegen auf dem folgenden Photo, das 1905 entstanden sein soll:



Die Chatham Square Station sieht man hier im Vordergrund, während die Bowery in der Bildmitte im Hintergrund nach Norden hinaufführt. 



Am Übergang vom Chatham Square zur Bowery wurde unterhalb der Hochbahn etwa 1900 dieses Photo geschossen, ich nehme an in südliche Richtung, da man die Chatham Square Station im Hintergrund  links sieht: 




Die nächste, 1947 entstandene Aufnahme blickt vom Süden her auf die Station an der Kreuzung Bowery / Canal Street. 



Links oben erkennt man das markante Gebäude mit dem Kuppeldach, in dem die "Manhattan Savings Bank" ihre Niederlassung hatte. Dieses Bauwerk steht heute noch an der Südwestecke der Kreuzung Bowery / Canal Street. 




Im Bildhintergrund Mitte die Hochbahnstation an der Canal Street:



Und rechts im Bildhintergrund ein kleiner sichtbarer Teil der Canal Street, rechts jenseits des Bildrands mündete die Chrystie Street in die Canal Street. 



Wir springen weiter nach Norden und zurück in der Zeit bis zur Wende vom 19. ins 20. Jahrhundert. Der Photograph befand sich dabei irgendwo im südlichen Bereich der Canal Street Station. 




Die Straßenkreuzung unter der Hochbahn in der Bildmitte ist die von Canal Street und Bowery. 




Faszinierend sind die Details vom Bürgersteig unterhalb der Hochbahntrasse:



Im Bildhintergrund sieht man etwa in der Mitte des Bildausschnitts die Kreuzung Hester Street / Bowery und noch einen Block dahinter die nächste Hochbahnstation an der Kreuzung Bowery / Grand Street:




Bevor wir zur nächsten und letzten Aufnahme springen, ein kurzer Blick auf das Luftbild von 1924



In der Mitte unten ist der sichtbare Teil der Chatham Square Station markiert, gefolgt von der Canal Street Station und der Grand Street Station. Danach folgt eine größere Lücke, bis man an der Kreuzung Bowery / Houston Street wieder eine Station findet.

Das letzte Photo von ca. 1905 zeigt die Hochbahntrasse in nördliche Richtung von der Grand Street Station aus gesehen: 



Links im Vordergrund sieht man an der Hausnummer 130 Bowery das Gebäude der "Bowery Savings Bank", das heute noch an dieser Stelle steht und dort in der ersten Hälfte der 1890er unter der Leitung von Architect Stanford White errichtet wurde.

Auch diese Aufnahme bietet ein paar schöne Detailansichten vom Bürgersteigniveau und vom Alltag in der Großstadt New York, der vor 110 Jahren noch durch Pferdefuhrwerke als wesentliches Verkehrsmittel auf den Straßen von New York geprägt war.





Und mit einem Bildausschnitt vom Hintergrund, dorthin, wo die Bowery in nördliche Richtung weiterverläuft, endet dieser Beitrag. 


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