Eine Sammlung von Bildern, Filmen und Texten zur Geschichte von New York City. Über Hochhäuser, Straßen, Bahnen, Inseln und Menschen. Für Anregungen und Kommentare bin ich jederzeit dankbar. Gruß vom Schädel.
Bei einer Bildrecherche zu einem anderen Thema bin ich unlängst auch auf der Seite untappedcities.com gelandet und dort wiederum auf einen Beitrag gestoßen, der ein Thema behandelte, was zwar nicht ganz auf diesen Blog passt, aber auch nicht total daneben liegt: öffentliche Toiletten in der New Yorker U-Bahn.
Ich habe mit Freude festgestellt, dass ich nicht der einzige bin, der sich alleine schon alleine bei dem Gedanken daran anfängt zu gruseln. Auch ephemeralnewyork, bei dem ich mir das Eingangsphoto stiebitzt habe, hegte vor acht Jahren ähnliche Gefühle bei dem Thema.
Die New Yorker Subway ist ein sehr praktisches und für Touristen beinahe unverzichtbares Verkehrsmittel, um in der Hudson-Metropole von Hü nach Hott zu kommen. Sie ist schnell, fährt häufig und durchzieht die Stadt mit einem ziemlich dichten Netz. Die Züge sind im Regelfall auch in einem ordentlichen Zustand, nicht mehr so, wie man es aus Filmen aus den 1970ern oder 1980ern kennt.
Die New Yorker U-Bahn-Stationen können da im Regelfall nicht mithalten, wenn man jetzt mal neue Stationen wie South Ferry außen vorlässt. Sie sind dreckig und marode, die Luft ist oft drückend warm und wenn jemand Lebensmittel auf den Gleiskörper hat fallen lassen, kann man dort auch gerne mal kleine freilebende Pelztierchen bewundern.
Ich bin bisher noch nie auch nur auf die Idee gekommen, in der New Yorker U-Bahn eine Toilette aufzusuchen, denn das Kopfkino reicht schon aus, um mich in die Flucht zu schlagen.
Wobei ich allerdings fairerweise sagen muss, dass das Video, das ich genutzt habe, um hier den Albtraum "New Yorker U-Bahn-Toilette" zu illustrieren, in einer verlassenen Station in der Nähe der Bowery aufgenommen wurde.
Ich denke, es ist aber durchaus mal einen "Blick" wert, um zu erkunden, wie es wirklich um die öffentlichen Toiletten in der New Yorker U-Bahn bestellt ist.
Das eingangs gezeigte Photo spiegelt schon ganz gut die Bedenken wieder, zeigt den typisch schmutzigen und verramsackten Zustand der New Yorker U-Bahn-Stationen. Ich finde dieser Anblick ist jetzt keine Einladung, um mal eben für große Fußballspieler zu gehen. Allerdings spannt dieses Bild auch erfreulicherweise einen Bogen zum Blog, denn die Vergangenheit der New Yorker U-Bahn hat dort auch ihre Spuren hinterlassen. Man beachte die immer noch ansprechenden historischen Fliesen, die über dem Eingang den Geschlechtern den richtigen Weg weisen.
Kommen wir jetzt zu dem Beitrag, der mich auf das Thema gebracht hat:
Und direkt das erste Photo könnte schon eine passende Ergänzung zu dem Bild sein, das ich als Titel gewählt habe, es zeigt Toiletten an der 14th Street Station.
Diesem Beitrag vom Februar 2014 kann man entnehmen, dass es in New York 468 U-Bahn-Stationen gibt, von denen aber nur 129 mit Toiletten ausgestattet sind. Unter den 129 Stationen mit öffentlichen Toiletten wiederum gibt es nur 48 Stationen, in denen die Toiletten auch tatsächlich für die vorgesehene Nutzung zugänglich sind.
Die anderen 81 sind entweder schlicht verschlossen oder wurden für eine andere Verwendung umgewidmet.
Bestes Beispiel für eine Umwidmung ist diese Toilette in einer Station am Astor Place, Linie 6, in Manhattan. Das bedarf eigentlich keiner Erklärung, das spricht für sich selbst:
Viele von den nicht zugänglichen U-Bahn-Toiletten sind von Mitarbeitern der New Yorker U-Bahn umgewidmet worden, die sie leicht zugängliche und in der Peripherie der New Yorker U-Bahn verfügbare Abstellräume verwenden. Und als Abstellräume sind sie dann für die Allgemeinheit verschlossen.
Naja, lecker sieht das jetzt nicht aus, aber so schlimm wie befürchtet auch nicht. Ich habe schon Toiletten in Kneipen gesehen, die in einem furchterregenderen Zustand waren als diese hier. Da spielt das Kopfkino also wohl doch eine große Rolle! Oder vielleicht doch nicht?
Für diejenigen, die gerne ihre Notdurft in der New Yorker U-Bahn loswerden möchten oder die tatsächlich mal dem Grauen ins Auge schauen und zeigen möchten, wie hart sie sind, für die hat Eron Watt eine Karte zusammengetragen, Bis 2012 hat er 45 zugängliche Toiletten in der New Yorker U-Bahn besucht und mit seiner Kamera gefilmt, 2014 schickte er noch ein Update mit weiteren 3 Toiletten hinterher. Viel Vergnügen!
In den vergangenen vier Jahren sind wir schon viele Male in die Geschichte von Südmanhattan abgetaucht, um die Entwicklung von Gebäudekonstellationen zu verfolgen, Verschwundenem nachzuspüren und alte photographische Aufnahmen zu interpretieren. Zahlreiche Leser waren an der Entstehung und Fortführung der Serie durch Interaktion mit dem Blogautor beteiligt, besonders erwähnen möchte ich Arnie Marriam, Michal Juroska, Andie Frieder, Dirk Stichweh und JPJ.
Hier kannst Du die bisherigen offiziellen und inoffiziellen Folgen der Serie abrufen:
Teufel, dass ist ja schon im März gewesen, als ich die letzte Folge der Lower Manhattan Saga veröffentlicht habe! Schande über mein Haupt! Aber andererseits ist es ja auch nicht so, dass Südmanhattan seit dem gar keine Rolle mehr hier gespielt hat. Nur eben nicht unter dem Kopf dieser Langzeitserie.
google street view
In der vergangenen Woche habe ich ein Bilderrätsel veröffentlicht, nämlich die Frage nach der Identität des Gebäudes mit der geflügelten Figur auf dem Dach. Dank Michal, Dirk und Ken, die alle zu demselben Ergebnis kommen, dürfte feststehen, dass es sich bei dem gesuchten Gebäude um das mit dem Namen und der Hausnummer 48 Wall Street handelt. Vielen Dank dafür!
Auf dieser Aufnahme, entstanden in den späten 1920ern, aus dem Fundus der Öffentlichen Bibliothek von New York (NYPL) sehen wir die beiden Gebäude östlich der Kreuzung Wall Street / Williams Street; 48 Wall Street (schmal mit geflügelter Figur auf der Spitze) und 52 Wall Street (mit dem Tempel auf dem Dach).
Tempel auf dem Dach? Da war doch was. Vor langer Zeit, genauer gesagt im Mai 2009 habe ich schon mal einen Beitrag über das Gebäude 52 Wall Street, also das mit dem Tempel auf dem Dach verfasst.
Damals konnte man die Bilder bei der NYPL aber noch nicht hochauflösend abrufen.
Den Umstand, dass dieser Zugriff zumindest bei hochauflösend digitalisierten Bildern inzwischen möglich ist, ....
.... möchte ich jetzt mal nutzen, um mich ganz langsam, ...
... Stück für Stück an der schönen Fassade von 48 Wall Street hochzuarbeiten, ....
... denn erst in der Detailansicht entfaltet sich die ganzes Pracht dieses New Yorker Hochhausklassikers, ....
eine Pracht, die bis ganz oben hinauf zur Gebäudespitze reicht, die von einer geflügelten Figur geschmückt ist.
Als ich gerade Emporis besucht habe, musste ich feststellen, dass ich die Bildausschnitt ein wenig falsch gewählt habe, denn tatsächlich ist 48 Wall Street noch etwas breiter als gedacht:
Die Frage, wo das Gebäude endet, ist von Bedeutung, wenn ich jetzt in die Gegenwart hinüberwechsel, in der 48 Wall Street noch vorhanden ist, 52 Wall Street aber nicht mehr.
48 Wall Street trägt auch den Namen "Bank of New York and Trust Company Building", erstreckt sich präzise beschrieben auf die Hausnummern 48 und 50 Wall Street. Es wurde von 1927 bis 1929 errichtet und verfügt über 32 oberirdische Etagen bei gut 156 Metern Höhe.
Die Geschichte dieses Bauwerks endete in den frühen 1980ern, als Platz für einen Hochhausneubau benötigt wurde.
Erstaunlich finde ich, wie detailliert der Tempel ornamentiert war, an einem Ort, wo kaum jemand so genau hinschauen konnte.
Ein Stück unter dem Tempel findet man an einer Terrasse noch eine Horde Flügeltiere, möglicherweise nur Ornamente, vielleicht auch Wasserspeier:
Aber auch an der Fassade vom 48 Wall Street habe ich einiges an Schmuckwerk gefunden...
... das natürlich aufwändiger wird, wenn man die enge Gebäudeschlucht der Wall Street verlässt...
... dann kommt zum Beispiel diese Kapelle zutage ....
... oder diese Teile, die wie Feuerkörbe aussehen, aber wahrscheinlich nicht so genutzt wurden ...
mal eben zurückzoomen, ja jetzt kommen wir zur Gebäudespitze ...
... da ist der Sockel der Gebäudespitze, möglicherweise mit Buntglasfenstern verziert, ist aber nur eine Vermutung von mir, nicht bestätigt ...
... darüber scheint es noch eine Art Aussichtsplattform gegeben zu haben ...
... es folgt die Verjüngung der Konstruktion hin zur Spitze ...
... und die wird wieder von einem geflügelten Tier geschmückt:
Hier ist ein guter Zeitpunkt, um an die Kommentare zum Bilderrätsel anzuknüpfen:
Michals Antwort ist knapp, aber präzise:
Eagle statue on top of 48 Wall Street Building.
Dirk hat etwas weiter ausgeholt, seine Antwort deckt sich aber mit der von Michal:
Hallo Schädel, das ist natürlich 48 Wall Street. Das ehemalige Bank of New York Building. Erbaut 1928, ist es eines der wenigen älteren und schlanken Bürogebäude, das in den letzten Jahren nicht zu Apartmentgebäuden umgebaut wurden. Meines Wissens gehört es der Rockefeller Group. Lohnenswert ist besonders das Interieur, auf das man in den späten 1920er Jahren ja noch Wert gelegt hat. Die Spitze soll nach meinen Informationen ein kupferner Adler beim Landen sein. Alle anderen Daten bekommt man ja immer bei „Emporis“. Gruß, Dirk
Also, ich könnte mir durchaus vorstellen, dass es sich bei dem, was man hier sieht, um einen Adler aus Kupfer handelt.
Blogleser Ken war so freundlich und hat mir einen Artikel auf der Seite nyrej.com zugeleitet, der über den Abschluss der Renovierungsarbeiten an eben diesem Kupferadler berichtet: http://nyrej.com/22153
Leider sind die mitgelieferten Photos etwas klein, aber auf dem zweiten kann man zumindest den patinaüberzogenen Kupferadler schon gut erkennen:
Diese Aufnahme vom Gebäude kommt auch sehr schick daher, zugleich kann man hier auch einen guten Blick auf den Gebäudegiganten rechts daneben werfen, für dessen Bau die Nummer 52 Wall Street in den frühen Achzigern weichen musste, ich nehme an, wegen der Luftrechte:
Von diesem Kasten an der Adresse 60 Wall Street aus dürfte man allerdings einen guten Blick auf den Kupferadler haben, vorausgesetzt, das Büro befindet sich in einem passenden Stockwerk.
Vom Bürgersteigniveau aus kommt 48 Wall Street leider nicht so beeindruckend rüber wie von einem höher gelegenen Standpunkt aus gesehen, da die spektakulären Details sich dem Fußgänger entziehen.
Wir können aber auch mal einen kurzen Blick in das Innere des Gebäudes werfen, denn hier macht die Rockefeller Group Werbung für Büroräume im 48 Wall Street, die bestimmt kein Schnäppchen sind:
Aber auch andere Anbieter buhlen um Interessenten für die Büroflächen in diesem Gebäude, einem solchen verdanken wir diesen Grundriss einer (aber wohl nicht vollständigen) Etage von 48 Wall Street, ich konnte den Daten auf der Webseite allerdings nicht entnehmen, um welches Stockwerk es sich handelt.
Noch ein paar Bilder aus dem Inneren und Äußeren von 48 Wall Street, das neben Büroflächen heutzutage auch passen zum Viertel Financial District das "Museum of American Finance" beherbergt.
Werfen wir zum Abschluss noch einen kurzen Blick auf den Standort und die Geschichte. Zunächst der Standort, der liegt natürlich mitten im Financial District und mitten im Süden von Manhattan:
48 Wall Street befindet sich - wie weiter oben schon erwähnt - an der Südostecke der Kreuzung William Street / Wall Street.
So ist auch das Bilderrätsel zustande gekommen, denn in der vergangenen Woche habe ich bei der "High Steel"-Gebäude-Suche auch zeitweise auf der Williams Street gestanden ...
... und in diesem Fall ungefähr die Williams Street nach Südwesten heruntergeblickt, wo man dann die geflügelte Figur auf der Gebäudespitze von 48 Wall Street erblickt.
In der 3-D-Ansicht bei Google Maps / Google Earth macht 48 Wall Street eine ziemlich gute Figur, ich habe Screenshots von unterschiedlichen Himmelsrichtungen aus versucht, eine funktioniert aber nicht, weil das Gebäude 60 Wall Street (Deutsche Bank Trust Co. America) im Weg steht. Ok, die Flügel vom Adler werden auch unterschlagen, aber das wäre dann vielleicht auch etwas viel verlangt.
Wie schon erwähnt, trägt 48 Wall Street auch den Namen "Bank of New York and Trust Company Building". Und dieser Name ist mit dem Grundstück an der Ecke Wall Street / Williams Street schon fast 220 Jahre lang verbunden, denn die Geschichte der "Bank of New York" beginnt 1797 in einem Gebäude, das genau hier auf diesem Eckgrundstück in der Altstadt von New York City errichtet wurde.
In der Sammlung des Museums der Stadt New York findet man ein ähnliches Bild, allerdings mit einem etwas breiteren Blickwinkel:
from the collection of the museum of the city of New York
Während des Amerikanischen Bürgerkriegs wurde vermutlich im Juni 1864 dieses Photo von den Gebäuden an der Wall Street aufgenommen. Das vierstöckige Gebäude rechts am Rand steht an der Ecke Wall Street / Williams Street und dürfte die zeitgenössische Niederlassung der "Bank of New York" sein.
from the collection of the museum of the city of New York
Auf dieser Aufnahme von 1872 könnte dasselbe Gebäude abgebildet sein (etwa in der Bildmitte), wegen der ungünstigen Position des Photographen ist es aber kaum zu identifizieren. Dafür erhält man einen schönen Eindruck vom Financial District zu jener Zeit, einschließlich der Masten für das damals gebräuchliche Telekommunikationssystem Telegraphie.
Noch zwei Aufnahmen bzw. Abbildungen des vierstöckigen Gebäudes, leider mit vagen oder vermutlich falschen Datumsangaben:
from the collection of the museum of the city of New York
Auf diesem Street View von 1880 sieht man bereits ein sechsstöckiges Gebäude an der Ecke Wall Street / Williams Street:
from the collection of the museum of the city of New York
Dieses Gebäude ist vermutlich das vierstöckige Gebäude, das nach oben hin um zwei zusätzliche Stockwerke erweitert wurde, ein in New York nicht ungewöhnlicher Vorgang. Man findet das sechsstöckige auch in dem Standardwerk für alte Gebäude vom Ende des 19. Jahrhunderts, King's Handbook, in den Ausgaben von 1893 und 1894.
Eine Aufnahme, die Ende des 19. Jahrhunderts entstanden sein dürfte, im Hintergrund ist neben der Trinity Church auch das 1897 fertiggestellte Gillender Building zu sehen:
Bis zur Mitte der 1920er sollte sich die Situation an dieser Straßenecke nicht mehr großartig verändern, außer dass der Hauseingang etwas tiefer gelegt wurde, das zeigen die folgenden Aufnahmen von 1904, von 1916 und von 1921.
Byron Company, Williams Street and Wall Street, 1916, from the collection of the museum of the city of New York
Bank of New York Building, 1921, from the collection of the museum of the city of New York
Nach der Mitte des Jahrzehnts schlug den alten Gebäuden an 48 Wall Street, 50 Wall Street und 52 Wall Street aber dann einem nach dem anderen die letzte Stunde.
Eine Aufnahme von 1927, noch steht das alte Bank of New York Building rechts im Bild:
Bank of America, 1927,from the collection of the museum of the city of New York
Eine weitere Aufnahme aus 1927, hier ist das Gebäude abgerissen, stattdessen sieht man die bereits begonnenen Arbeiten an dem Nachfolger:
Bank of America, 1927, from the collection of the museum of the city of New York
Nochmal 1927, dieses Mal Bürgersteigniveau und der Blick vom Süden die Williams Street hoch auf die neu zu bebauende Straßenecke:
Und fast zum Schluss noch eine Aufnahme von 1930, die von der Rückseite, also von der Pine Street aus auf den Gebäudekomplex blickt. Rechts der Wolkenkratzer ist nicht das damals gerade neu errichtete Irving Trust Building an der Hausnummer 1 Wall Street, wie ich zunächst geschrieben hatte, sondern selbstverständlich das Gebäude Nummer 40 Wall Street, ebenfalls damals nagelneu und heute mit dem Namen Trump Building versehen. Danke Dirk :-)
Ja ich weiß, das klingt eher nach Urlaub im Schwarzwald und nicht nach New York, aber da irrt Ihr!
Ein anonymer Blogleser hat in den letzten Tagen mehrmals Kommentare zu einem alten Beitrag von 2010 über Castle Garden hinterlassen, die sich allerdings nicht um das bekannte Gebäudefragment an der Südspitze von Manhattan drehen, sondern um ein in der Nähe gelegenes Gasthaus mit dem Namen "Gasthaus zum Freiburger Hof".
Hier haben wir ein Artefakt, das von diesem Gasthaus erhalten geblieben ist und das mir besagter Leser geschickt hat, eine Art Vorläufer von dem, was man heute in Neudeutsch einen Flyer nennen würde:
Ich weiß nicht, ob jeder von Euch in der Lage ist, Frakturschrift zu lesen, deshalb "übersetze" ich sicherheitshalber nochmal:
Gasthaus zum Freiburger Hof
von
Friedrich Reiss,
18 Greenwich Street, New York.
Gegenüber dem Castle Garden und in der Nähe der R.R. Depots.
Dieses auf's Bequemste eingerichtete Gasthaus verbunden mit Restauration empfiehlt
sich allen Reisenden durch seine prompte und solide Bedienung.
Man bittet diese Karte im Castle Garden an dem Hut zu befestigen.
Leider kann man nicht erkennen, aus welchem Jahr(hundert) dieses Artefakt stammt, aber es ist denkbar, dass das "Gasthaus zum Freiburger Hof" seine Kundschaft vor allem bei den deutschsprachigen Einwanderern suchte, die hier an der Südspitze von Manhattan ankamen und möglicherweise noch im Castle Garden von der Einwanderungsbehörde abgefertigt worden, um sie nach der Einwanderungsprozedur zum Essen und vielleicht auch Übernachten anzulocken.
Insofern ist es vorstellbar, dass die Karte oben den Einwandern vielleicht noch während des Wartens und Anstehens in die Hand gedrückt wurde. Die Einwandererabfertigung nahm allerdings schon 1892 ihren Betrieb auf Ellis Island auf und löste damit Castle Garden als bisherigen Sammelpunkt ab. Sollte die Karte also noch aus der Zeit der Einwanderungsstelle stammen, dann kann man die 1870er oder 1880er als Entstehungszeit annehmen.
Es ist aber denkbar, dass die Einwanderer auch danach an der Südspitze von Manhattan anlandeten, wenn sie die Einwanderungsprozedur auf Ellis Island erfolgreich durchlaufen hatten. Sollte dieses der Fall sein, könnte sie auch noch aus der Zeit der vorletzten Jahrhundertwende stammen.
Gegenüber dem Castle Garden und in der Nähe der R.R. Depots
R.R. Depots steht vermutlich für Rail Road Depots. Da könnte vielleicht eine Karte weiterhelfen, auch um herauszufinden, wo sich die Adresse 18 Greenwich Street genau befindet. Ich habe aber schon so eine Ahnung, welche R.R. Depots gemeint sein könnten.
Ich starte mal mit einem alten Bekannten, dem Bromley Stadtatlas von 1891. Die Greenwich Street ist eine westlich gelegene Parallelstraße vom Broadway, die ebenfalls grob in Nord-Südrichtung durch Manhattan verläuft.
Haus Nummer 18 Greenwich Street befindet sich ziemlich in der Nähe vom Südende (oder -anfang) der Straße:
Schräg gegenüber von 18 Greenwich Street sieht man zwei unbebaute (?) Flächen und ich meine mich erinnern zu können, dass dort am Südende der Greenwich Street in der Anfangszeit der 9th Avenue El, also der Hochbahn oberhalb der Ninth Avenue, ein Depot für die Hochbahnzüge untergebracht war.
Warum Castle Garden nicht in die 91er-Bromley-Karte eingezeichnet wurde, verstehe ich zwar nicht, aber ich habe dort einfach mal ein Kreuz reingepinselt, genauso wie an der Position von 18 Greenwich Street und an der Position des mutmaßlichen Hochbahnzugdepots, damit alle Koordinaten, die die Karte des Gasthauses verrät, sichtbar sind.
Gehen wir nochmal ca. 12 Jahre in die Vergangenheit zurück, als Castle Garden als Einwanderungsanlaufpunkt in Betrieb war. Wir schauen mal in den Bromley-Stadtatlas von 1879. Achtung, die Perspektive wechselt, der Norden liegt jetzt auf der rechten Seite!
Eins steht schon mal fest, das Gasthaus an der Greenwich Street war zwar günstig, weil nahe gelegen, allerdings führte direkt vor dem Haus die Hochbahn mit zwei Linien vorbei, von South Ferry als Ausgangspunkt kommend und sich unweit nördlich von 18 Greenwich Street in zwei Hochbahnstränge gabelnd, westlich entlang der Greenwich Street die 9th Ave El und östlich die Church Street hinauf die 6th Ave El.
Wenn ich Hausnummer 8, die eingezeichnet ist, weiter durchzähle, dann müsste das hier 18 Greenwich Street sein:
Und schräg gegenüber wie vermutet und angekündigt, sieht man zu jener Zeit noch ein Depot der New York Elevated R.R. Co. (Rail Road Company) eingezeichnet.
Wenn man ungewöhnliches Bildmaterial benötigt, dann ist man auf den Servern der Columbia Universität meistens gut aufgehoben, so auch dieses Mal.
Hier sieht man die Greenwich Street vom Süden her aufgenommen etwa in der Mitte der 1870er. Dort, wo man eine 13 an der Hausfront sieht, ist die Lücke, in der sich das Depot befand.
Leider kann man hier keinen Eindruck von 18 Greenwich Street gewinnen, das befand sich auf der linken Straßenseite. Wer genau hinsieht, kann vorne rechts aber zumindest Spuren von deutschen Einwanderern (oder für deutsche Einwanderer) erkennen:
Eine weitere Aufnahme der Greenwich Street, entstanden zwischen 1873 und 1875, leider ebenfalls ohne Blick auf die linke Straßenseite, auf der sich allerdings auch nicht das Motiv, die Hochbahntrasse, befand.
Es zeigt das kleine Eisenbahndepot für die Hochbahnzüge, dass sich zu jener Anfangszeit der 9th Avenue El auf diesem umbebauten Grundstück zwischen Broadway und Greenwich Street befand.
Zeitgenössisches und bearbeitetes Kartenwerk aus den 1870ern und 1880ern verdeutlicht, wie die Züge rechts und links von Haus Nummer 7 Broadway "geparkt" wurden.
Das Haus Nummer 7 mit den Depots drumherum befindet sich am linken Bildrand:
Auf den nachfolgenden Aufnahmen kann man mit diesem Wissen das vierstöckige Haus Nummer 7 Broadway und die Freiräume für das Hochbahnzugdepot drum herum ganz gut nachvollziehen:
Und die Rückseite dieses Gebäude findet jetzt auch auf dem Depotphoto wieder:
Es ist mir nicht gelungen, passende Bilder aufzutreiben, schon gar nicht vom Gasthaus Freiburger Hof. Aber ich habe zumindest ein paar Bilder zusammenstellen können, die eine Annäherung ermöglichen. Wie zum Beispiel diese beiden Aufnahmen, die 1888 an der Rector Street Station etwas weiter nördlich entstanden sind und einen Eindruck von dem Leben unter der Hochbahn vermitteln.
from the collection of the museum of the city of New York
Räumlich näher dran aber wahrscheinlich zeitlich weiter entfernt sind diese beiden Aufnahmen von 1914, die südlich von 18 Greenwich Street an der Mündung der Greenwich Street in die Battery Place entstanden sind:
from the collection of the museum of the city of New York
Nochmal Rector Street Station, dieses Mal 1915:
Und dann habe ich noch drei Aufnahmen von der Westseite der Greenwich Street, entstanden in den 1930ern:
Zu meiner großen Überraschung bin ich am Ende mit etwas Glück doch noch auf Bildmaterial von Haus Nummer 18 Greenwich Street gestoßen. Bei Fundstück Nummer 1 handelt es sich um eine Serie von sieben Photos, die der Photograph Stanley P. Mixon am 22. März 1940 am und im Haus aufgenommen hat und die sich in der Sammlung der amerikanischen Kongressbibliothek befinden. https://www.loc.gov/resource/hhh.ny0376.photos/?sp=1
Man schaue sich jetzt nochmal das erste Bild aus der vorherigen Serie an, vom Eingang des Restaurant Neptun:
Über der Tür befindet sich ein Bogen, davor führt eine Treppe zur Tür hinauf und an den Geländern befinden sich rechteckige Werbeschilder mit dem Restaurantnamen, um diejenigen aufmerksam zu machen, die nicht frontal auf das Gebäude zu, sondern die Straße entlang laufen.
Diese Kulisse sieht man auch in dem Photo vom Nachbarhaus, nur aus einer anderen Perspektive und Entfernung:
Wenn man sich also dieses Bild nochmal aufmerksam ansieht, ...
... dann müsste 18 Greenwich Street dieses Haus hier sein:
Hier sieht man nochmal das Nebeneinander der beiden Hauseingänge und die Trennlinie zwischen den Gebäuden:
Direkt die erste Seite der Pläne, die scheinbar auch 1940 entstanden sind, verrät neben den Architekten (Robinson, Moore and Smith) auch die Entstehungszeit (1815-20). Also haben wir auf den Photos tatsächlich das Haus gesehen, in dem sich irgendwann auch einmal das Gasthaus zum Freiburger Hof befunden hat.